Wirsing II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Programme gegen Altern und Tod: Körperprojekte angesichts der Furcht vor dem Verlust des Selbst ©

Prof. Dr. phil. Rolf Wirsing MPH · Sozialmedizin und Anthropologie · FB Sozialwesen, HS Zittau / Görlitz (FH) · University of Applied Sciences · Brückenstraße 1 · D-02826 Görlitz

  1. Wenn Alter ein wichtiges Kriterium persönlicher Identität und sozialer Verortung ist, wie kann mich meine Umwelt spüren lassen, dass ich zum „alten Eisen gehöre“ und was übersehen wir, wenn wir mit ängstlicher Faszination auf die Mängel und Grenzen unseres Körpers und auf die Machbarkeitsfantasien unserer Technik blicken?

  2. Welche im Geheimen durchgeführten Körperrituale und -projekte bieten sich für die erfolgreiche Präsentation unseres Selbst angesichts der Furcht an, dass die natürliche Tendenz unseres Körpers, der zugleich Medium und Nachricht für unser Selbst ist, in Verfall und Krankheit liegt?

  3. Führen Körperprojekte unter der Haut, die das biologische Altern und den Tod des Selbst abschaffen sollen, letztendlich zu einer Abschaffung der biologischen Fesseln unseres Körpers und zu der Übertragung unseres Geistes auf die Hardware des Computers?

Programme gegen Altern und Tod: Körperprojekte angesichts der Furcht vor dem Verlust des Selbst.

Alter bildet den Grundstock unseres Selbst und der Organisation unserer Gesellschaft. Seine Bedeutung liegt nicht in seiner Natur, sondern in kulturellen Deutungen. Im Falle unserer Gesellschaft herrscht Jugend-Idolatrie vor, die dem Jungsein Kraft, Kompetenz, Gesundheit, Flexibilität, Schönheit und das Privileg, noch alles vor sich zu haben, bescheinigt. Altsein stellt hingegen die Verneinung dieser Werte dar. 

Was in der Gesellschaft gibt mir die Idee, dass ich zum alten Eisen gehöre? Es sind die gesellschaftlichen Diskurse und das Verhalten meiner Mitbürger, die mich nie einen Tag lang vergessen lassen, wie alt ich bin. Ich werde gezwungen, mein Alter chronologisch in Jahren zu denken. Doch was bedeutet diese Zahl?

Alter stellt einen Faktor akzeptierter sozialer Diskriminierung dar. Der Arbeitsmarkt ist altersfeindlich. Immer jüngere Menschen erhalten den Stempel „alt“ aufgedrückt. So wird z. B. den über 55-Jährigen in den neuen Bundesländern keine Chance mehr auf eine neue Arbeit eingeräumt. Einige Konzerne stellen niemanden mehr ein, der über 40 ist. 

Im Alltag ist es weniger mein chronologisches Alter, sondern das Urteil der anderen über meinen Körper, das bei der Einschätzung meines Alters zählt. Selbst wenn ich in den Spiegel blicke und mich nicht mehr als den erkenne, der ich zu sein meine, trage ich schon das Urteil der anderen in mir.

In unserer Kultur ist jeder für sein Aussehen moralisch verantwortlich. Dieser Verantwortung kann man in unserer Gesellschaft nur dann gerecht werden, wenn man seinen Körper gewissenhaft wie ein Ding managt, ihn Körperprojekten unterzieht.

Körperprojekte sind Handlungen, die mit der Absicht veranlasst werden, unseren Körper so zu verändern, dass er unserem gewünschten Bild von ihm genügt. Sie basieren auf der Befürchtung, dass unser Körper nicht nur ein mit Mängeln behaftetes Objekt, sondern auch noch hässlich sei, dessen natürliche Tendenz in Verfall und Krankheit liege. Die einzige Hoffnung liegt nicht im Pakt mit dem Teufel, sondern in der möglichen Korrigierbarkeit dieser schicksalhaften Tendenz. Sie entstammt einem Machbarkeitswahn, in dem die Verknüpfung von Ritual und Technik Altern und Tod bannen soll.

Die Körperprojekte, die uns mehr vor der o. g. Furcht als vor Körpermängeln schützen, nennen Ethnologen „Körperrituale“. Sie stellen aus der Sicht eines kulturfremden Beobachters stereotype und häufig wiederholte Verhaltensweisen dar, die vorwiegend symbolischer Art sind, da sich ihr erklärter Zweck nicht eindeutig aus der Form der Handlung und den eingesetzten materiellen Mitteln erkennen lässt. Es scheint mehr die Form als der Zweck im Mittelpunkt zu stehen.

Andere Projekte, die der Formung des äußeren Körpers dienen, sind realistischer: die regelmäßigen Bemühungen im Fitnessstudio. Aber selbst bei der Fitness lässt sich keine eindeutige Grenze zwischen einem vermeintlich abergläubischen Ritual und einem erwiesenermaßen wirkungsvollen Handeln ziehen. Beide Elemente -das rituelle wie das wirkungsvolle- sind unentwirrbar miteinander verknüpft. 

Wem die Rituale der Fitness zu umständlich sind, kann Jugend und Schönheit schneller und drastischer mittels Schönheitschirurgie erwerben. Wenn er dann äußerlich auch jugendlicher, leistungs- und lustfähiger erscheint, so hat er doch eines nicht erreicht: die inneren Alterungsprozesse unter der Haut unterbunden.

Körperprojekte, die versprechen, Alterungsprozesse unter der Haut aufzuhalten, finden wir bei den Protagonisten der Anti-Aging Bewegung. Ihre medikalisierte Sicht des Alterns beschreibt das Altwerden als einen langsamen Prozess der Anhäufung körperlicher Mängel, der in der genetischen Ausstattung des Zellkerns beginnt, auf die Organe und äußere Erscheinung übergreift und auch vor der Krone des menschlichen Selbst, dem Bewusstsein, nicht Halt macht. Am meisten sind die schleichenden Veränderungen des Gehirns als vermeintlicher Sitz des Selbst gefürchtet, da sie einen Angriff auf unsere westlichen Werte der Selbstbeherrschung und der Fähigkeit zur autonomen Lebensführung darstellen.

Das Versprechen des Anti-Aging besteht in der Korrektur der altersbedingten Mängel des inneren Körpers. In der Regel verlangt Anti-Aging die regelmäßige Einnahme von Mitteln, die von Ärzten verschrieben und von der pharmakologischen Industrie vertrieben werden. Sie empfehlen vor allem Hormone und Vitamine, aber auch Frischzellen, Enzyme und Gingko Biloba. Sie erwecken den Eindruck, als wäre Altern in erster Linie eine Hormonmangelerkrankung. Fest steht, dass Frauen in den Wechseljahren weniger Eierstockhormone und beide Geschlechter weniger Wachstumshormone und Melatonin produzieren. Was liegt näher, solche vermeintlichen Mängel durch Hormongaben zu behandeln? Die Einnahme hoher Vitamindosen wird damit begründet, dass besonders Vitamin C und Vitamin E Antioxidantien seien, die die gefährlichen freien Sauerstoffradikale abfangen und das Immunsystem stärken sollen.

Anti-Aging Programme verblassen gegen die Körperprojekte der Transhumanisten. Transhumanisten (Marvin Minsky, Hans Moravec) glauben, die Grenzen des Menschseins überwinden zu können. Ihr Ziel ist die Schaffung eines besseren und unsterblichen Menschen. Als erstes Etappenziel wollen sie unsere mängelbehafteten Körper so verbessern, dass die Krankheitsanfälligkeit verringert, die Intelligenz verbessert und die Lebensdauer verlängert wird. Das dazu nötige Know-How wird in bereits bekannten Bio-Technologien gesucht, wie dem Züchten von Geweben und Organen aus embryonalen Stammzellen und in der Gentherapie. Wer heute noch sterben muss, weil seine Krankheit nicht geheilt werden kann, mag sich einfrieren und später, wenn neue Technologien und Therapien zur Verfügung stehen, wieder auftauen lassen. Man kann auch nur sein Gehirn einfrieren lassen und hoffen, dass nach dem Auftauen die fehlenden Körperteile aus dem Ersatzteillager bereitgestellt werden. 

Der Ort des Selbst ist für einen Transhumanisten das Gehirn, das in einem zweiten Schritt zu einem Cyborg verschmolzen werden soll. Das Interface zwischen dem biologischen Ich und dem technischen Nicht-Ich der Prothesen, Herzschrittmacher, computergesteuerten Gelenke und eingebauten Mikropumpen funktioniert bereits. In einem dritten Schritt könnten dann die im Gehirn gespeicherten Informationen mit Hilfe der Nanotechnologie direkt ausgelesen und auf einen Computer übertragen werden (bekannt als „Uploading“). Der Computer soll dann alle physiologischen Prozesse des Gehirns emulieren. Das Ich, das menschliche Bewusstsein, wäre so von allen Beschränkungen der physischen Existenz befreit. Sicherheitskopien des auf dem Computer laufenden Selbst werden angefertigt und im Universum sicher verwahrt, um gegen alle Katastrophen gefeit zu sein. Erst unter solchen Bedingungen würde ein Transhumanist sich unsterblich fühlen. Ist ein solches Ziel erstrebenswert? Kaum, denn wer das Sterben abschafft, schafft auch das Leben ab und vieles, wofür es sich lohnt zu leben.

In der bisherigen Diskussion fehlte der Mensch als Ganzes und sein gesellschaftlicher und kultureller Kontext. Es fehlten auch positive und akzeptierende Bilder des Alterns, sowohl für den alten Menschen als auch für seine Umwelt. Bereits bestehende positive Bilder des Alterns kommen unter solch wohlklingenden Begriffen wie successful aging. Sie verfolgen die amero-europäischen Werte der individuellen Verantwortung für eine selbst orchestrierte Lebensverbesserung. Sind sie es wert, berücksichtigt zu werden? Ja, aber sie haben ähnliche Schwächen wie die o. g. Körperprojekte: Sie beziehen sich nicht auf die kulturellen, ethnischen und persönlichen Unterschiede in den Idealen und Fähigkeiten älterer Menschen im Licht lebenslanger Ungleichheiten in Gesundheit und sozialer Stellung und sie vergessen auch die Verantwortung der Familie, Gesellschaft und Gemeinde.

 

 

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