Wessel II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Veränderung und Entwicklung – salutogene Ressourcen im Lebenslauf und die soziale Wirklichkeit ©

Prof. Dr. sc. phil. Karl-Friedrich Wessel · Humanontogenetik · Direktor des Interdisziplinären Instituts für Wissenschaftsphilosophie und Humanontogenetik der Humboldt-Universität zu Berlin · Unter den Linden 6 · D-10099 Berlin

  1. Sind unsere Vorstellungen über das Alter defizitär oder realistisch?

  2. Lassen sich allgemeine Grundsätze für die exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen angeben – oder wie nähern wir uns den individuellen Erfordernissen?

  3. Wie komplex sind die exogenen Einflussnahmen auf den Alterungsprozess der Menschen wirklich?

Unbestreitbar ist in den letzten Jahren viel geleistet worden, um dem Alter seine anthropologisch begründbare Würde zu geben. Insbesondere die gerontologische Forschung hat beachtliche Beiträge geliefert, die das Alter zum Gegenstand haben, Namen wie U. Lehr, H. Thomae, L. Rosenmayr stehen für viele, die sich erfolgreich bemühten.

Dennoch dürfte es ebenso unbestreitbar sein, dass defizitäre Vorstellungen vom Alter in der Öffentlichkeit aber ebenso in zahlreichen Wissenschaften vorherrschen. Alter wird mit Verlust verbunden und Gewinn kaum akzeptiert. Dieses defizitäre Ungleichgewicht entspricht den Umgangsformen mit dem Alter vorwiegend in den modernen Ländern der Erde. Der alternde Mensch wird aus dem gesellschaftlichen Reproduktionsprozess ausgeschlossen und nicht selten zudem von den betroffenen Personen begrüßt. Man könnte diesen Vorgang die schicksalhafte Hinnahme der Negation des individuellen Daseins nennen. Die Komplexität menschlichen Werdens und Vergehens wird vorurteilsbedingt unzulässig reduziert. Beispiele dafür lassen sich viele nennen, eines soll für viele stehen:

„Die körpergebundene Schönheit der Frau dagegen entspricht einem Standbild
-unverrückbar und unveränderlich- der Schönheit der Frau wohnt gleichsam zeitlose Jugend inne (Brücker 1992). Diese Utopie steht der Realität gegenüber: Die Zeit macht die weibliche Schönheit verderblich. Während weibliche Falten als Makel gelten, die als Spuren des Alltags, der Erfahrung und der Abnutzung ausradiert werden müssen, sind diese beim Manne Symbole von Charakter, emotionaler Stärke und Reife.“ [1] 

Hier wird ganz offensichtlich, dass ein defizitäres Menschenbild die Grundlage der Diskussion ist und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens wird die Frau anders bewertet als der Mann und zwar hinsichtlich des wirklichen Menschseins; Erfahrung hat einen anderen Symbolwert bei der Frau als beim Mann und zweitens wird völlig die Schönheit als ontogenetische Qualität missachtet. In ontogenetischer Hinsicht hat die Schönheit keinen statischen Charakter, sie ist an den Prozess gebunden. Die sitzende Alte von Barlach ist von bewundernswerter Schönheit. Die Schönheit der Jugend der Schönheit des Alters gegenüber zu stellen ist selbst wiederum unästhetisch, jedenfalls dann, wenn man davon ausgeht, dass jedem natürlichen Zustand eine eigene Schönheit zukommt. Das Alter ist schön, der alternde Mensch ist schön, wenn man die wirklich menschlichen Maßstäbe anlegt. Die Schönheit des homo temporalis ist ohne Alter nicht darstellbar.

Veränderungen, die defizitären Charakter haben, gibt es in der ontogenetischen Entwicklung hinsichtlich vieler Kompetenzen (motorische, optische, akustische usw.), aber Entwicklung als Daseinsweise des Individuums zu unterstellen bedeutet, die Struktur der Kompetenzen, das System der Kompetenzen gemäß der ontogenetischen Entwicklung zu bewerten. So rückt die temporale Kompetenz immer stärker in den Mittelpunkt, während die schon genannten an die Peripherie des Systems gelangen. Insofern entwickeln sich auch die salutogenen Ressourcen im Lebenslauf; die notwendigen Kindheitsressourcen verschwinden, sie werden aber als solche auch nicht mehr benötigt. Die Zunahme der Inanspruchnahme der so genannten professionellen Ressourcen ist eine gesellschaftliche Vereinbarung auf dem Hintergrund der sozialen Wirklichkeit.

Die individuellen Erfordernisse werden generell negiert durch die Art und Weise, wie der Alterungsprozess bewertet wird. Solange  die Gesellschaft nicht bereit oder fähig ist, den Charakter des Alterungsprozesses zu erkennen, ist auch die Medizin nicht in der Lage, den wirklichen Alterungsprozess zur Grundlage des ärztlichen Handelns zu machen. Die salutogenen Ressourcen wirklich ernst zu nehmen, setzt die Kenntnis der wirklichen Alterungsprozesse voraus und zwar sowohl die ab- wie auch die aufbauenden Prozesse. Dabei spielen im Rahmen der komplexen Einflussnahme auf den Alterungsprozess die Vorstellungen des älter werdenden Menschen über sich selbst eine ganz entscheidende Rolle. Schon die Entscheidung, wann ein Arzt in Anspruch genommen wird, beeinflusst auch die Entscheidung des Arztes. Die stärksten exogenen Einflüsse auf den Alterungsprozess liegen außerhalb der Wirkungsmöglichkeiten des Arztes.

Referenz:

  1. Tschirge U, Grüber-Hrean A. Ästhetik des Alters. Stuttgart: Kohlhammer, 1999: 103.

 

 

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