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Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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V. KÜHLUNGSBORNER GESPRÄCHE

"Ethos, Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke" 

30. April bis 02. Mai 2004 · Seebad Kühlungsborn

Zwei Abstracts:

Diskurs / Workshop

Die andere Seite des Umbruchs: Identität und Integrität der Medizin im Wandel ©

Prof. Dr. rer. pol. Dr. med. Karl-Heinz Wehkamp · Medizinethik · Studiengang Gesundheit / Public Health · Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAWH) Hamburg · Lohbrügger Kirchstraße 65 · D-21033 Hamburg

  1. Unbehagen in der Heilkunde – Ausdruck einer unverstandenen Neuaufstellung und Neu-Figuration?

  2. Was kann noch gemeint sein, wenn wir von "der Medizin" sprechen?

  3. Wie spielen die Veränderungen der "Rahmenbedingungen" und der "Substanz" der Heilkunde zusammen?

In dem Workshop soll dem Fragezusammenhang nachgegangen werden, wie wir den gesellschaftlichen Funktionswandel beschreiben sollen. Zu berücksichtigen ist dabei ein "Strukturwandel der Sorge um die Gesundheit" sowie ein "Strukturwandel der sozialen Systeme", "des Staates" und "der Öffentlichkeit".

Es soll der Versuch unternommen werden, herauszuformen, welche Begriffe und Denkformen wir brauchen, um zu verstehen, was aktuell mit "der Medizin" und "dem Gesundheitswesen" geschieht. Ist "die Medizin" gar ein irreführender Begriff? Spiegelt er uns etwas vor, was nicht mehr vorhanden ist oder vielleicht nie vorhanden war? Das "Eigentliche", den "Kern" oder das "Wesen" der Medizin ...?

Ein Umbruch in der Medizin: In dem Workshop gilt es zu erfragen und in den Voraussetzungen begreifbarer zu machen, welche Dimensionen an dem Wandel beteiligt sind. Welche Rolle spielen dabei: die "Struktur des Gesundheitswesens", die "Veränderung des medizinischen Selbstverständnisses", die "neue Figuration oder gar Auflösung der Disziplinen", die "Auflösung der Dreifaltigkeit Krankheit-Arzt-Medizin", die "Auflösung des Gesundheitswesens", das "Verschwinden des Patienten als Zentralfigur", die "Auflösung der Gesundheit-Krankheit-Polarität" und die "Verselbständigung der Gesundheit"?

Was bedeutet eine Auflösung der primär wissenschaftlich begründeten Indikation, was das Ende vom Mythos der "medizinischen Indikation" und der Unabhängigkeit des Arztes? Bleibt der "Arzt" und wo ist er fortan positioniert?

 

Ein Podiumsgespräch
mit Herrn Prof. DDr. Karl-Heinz Wehkamp
und Herrn Rolf Stuppardt 
zum Thema:

"Medizinische Qualitätssicherung
zwischen Plan und Markt
"

 

Ausgangspunkt Prof. DDr. Karl-Heinz Wehkamp

Versorgungsgerechtigkeit und medizinische Identität ©

Prof. Dr. rer. pol. Dr. med. Karl-Heinz Wehkamp · Medizinethik · Studiengang Gesundheit / Public Health · Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAWH) Hamburg · Lohbrügger Kirchstraße 65 · D-21033 Hamburg

  1. Mit welcher sozialen Gestalt der Medizin ist die Idee der Versorgungsgerechtigkeit verknüpft?

  2. Ist die Idee der Versorgungsgerechtigkeit mit dem Wettbewerbsprinzip im Gesundheitswesen überhaupt vereinbar, bzw. was steht auf dem Spiel?

  3. Hat die Formel vom Zusammenhang zwischen Gesundheit / Krankheit, Medizin und Arzt in Zukunft noch Bestand, und was könnte an ihre Stelle treten?

Der ethische Wert "Gerechtigkeit“ im Zusammenhang der Verteilung medizinischer Güter und Dienste bezieht sich auf ein letztendlich staatlich reguliertes Verteilungssystem gemeinschaftlich aufgebrachter Ressourcen. Das seit über einhundert Jahren wirkende "deutsche Medizinkonzept“ sieht eine staatliche Verantwortung für die Gesundheit der Bürger vor, auch wenn der Staat einen großen Teil der Verantwortung in die Hände von Ärztekammern und Krankenkassen gelegt hat. Im Zuge einer dramatischen Ressourcenknappheit innerhalb dieses Systems (aber auch im Zuge einer kontinuierlichen Entwicklung der medizinischen Technik und Organisation) wird es durch planwirtschaftliche Regularien schrittweise "rationalisiert“. Im Zuge dieses Prozesses gewinnen Agenten der "Mesoebene“, insbesondere aus Politik, Management und Krankenkassen, einen wachsenden Einfluss auf die praktizierte Medizin. Die nach wie vor unangetastete Trennung der Qualitätsverantwortung (bei den Ärzten) und der Kostenverantwortung führt zu unproduktiven und teuren Konflikten, deren Bedeutung von zu vielen Verantwortlichen herabgespielt wird. Die Qualität von Medizin und Pflege wird trotz eines wachsenden Arsenals an "managed-care Konzepten“ eher schlechter. Die wachsende Kluft zwischen medizinisch Möglichem und ökonomisch Finanzierbarem erzeugt Verknappung und Rationierungen, die durch Verleugnung nicht adäquat behandelt werden können. Das Problem einer gerechten Verteilung knapper Mittel ist ein zentrales Problem im Rahmen einer GKV-finanzierten Gesundheitsversorgung.

Während innerhalb des GKV-Systems Rationalisierungs- und Rationierungsprozesse Fragen der Verteilungsgerechtigkeit aktualisieren, wird gleichzeitig von politischer Seite das Wettbewerbsprinzip zur Grundlage der Gesundheitsversorgung erklärt. Anbieter von gesundheits- und krankheitsbezogenen Produkten und Diensten (einschließlich ihrer Finanzierung) agieren in wachsendem Maße in privatwirtschaftlichem Rahmen. Hier steht das Prinzip "Eigenverantwortung“ an erster Stelle. Es legt die Ansprüche an eine medizinische Behandlung in die Hände der Bürger, die durch private Versicherungsverträge darüber entscheiden, auf welche Leistungen sie Anspruch haben. Dieses auf den ersten Blick sinnvolle Konzept enthält tief greifende Implikationen, die das gesamte Bild der Medizin, wie es in Deutschland (und weit darüber hinaus) noch Bestand hat, verändern werden. Die Medizin verliert ihren Zusammenhalt und ihre Identität. (Es stellt sich aber nun auch die Frage, wieweit eine solche Identität jemals real Bestand hatte.)

Während die Medizin im Rahmen des GKV-Systems auf eine eindimensionale Einheitsmedizin reduziert zu werden droht, in der dem prinzipiell sinnvollen "evidence- based“ Prinzip die Rolle der Tilgung heilkundlicher Alternativen zukommt, wird im Rahmen einer auf Wettbewerb basierten „Gesundheitsbranche“ die alte Verbindung von Krankheit / Gesundheit, "Medizin“ und "Arzt“ aufgebrochen. Krankenversorgung und Prävention entfernen sich ebenso weit voneinander wie die Medizin und die Gesundheitswissenschaften. Neue Berufe entstehen. Die Heilkunde wird auf diesen Märkten unter dem Druck nicht zuletzt wirtschaftlicher Interessen so ausdifferenziert, dass der eine Identität suggerierende Begriff "Medizin“ geradezu irreführend wird. Die traditionell mit der ärztlichen Profession verknüpfte Medizin verliert ihre Identität. Dies zeigt sich zuerst an einer Zersetzung des ärztlichen Ethos. Der Identitätsverlust eröffnet Chancen und birgt viele ernste Gefahren. Umbruchssituationen bedürfen deshalb einer gründlichen ethischen Reflexion, der Transparenz und einer ethisch wachen Politik. Hier ist dringlich eine Qualitätsverbesserung anzumahnen.

 

Ausgangspunkt Rolf Stuppardt

 

 

EVE / Heiligendammer-Gespräche

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