von Renesse IV
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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IV. KÜHLUNGSBORNER GESPRÄCHE

"Das Ethos in der Heilkunde – Medizinische Gegenwart und Zukunft" 

09. bis 11. Mai 2003 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Ein Podiumsgespräch
mit Frau Margot von Renesse 
und Herrn Prof. Dr. Karl-Friedrich Wessel
zum Thema:

"Arzt-Patienten-Beziehung und die Fortschrittsfalle"

 

Ausgangspunkt Margot von Renesse

Die Medizin, die Naturwissenschaft und die Fortschrittsfalle ©

Margot von Renesse · Ethik und Medizin · Past-Vorsitzende der Enquete-Kommission des Bundestages: Recht und Ethik in der modernen Medizin · Behringweg 8 · D-44801 Bochum

  1. Unter welchen Bedingungen ist die Gleichzeitigkeit von Erfolg und Vertrauensverlust in der modernen Medizin gegeben?

  2. Wann stellt die technische Versuchung eine Bedrohung für die Qualität ärztlicher Leistung dar?

  3. Können Rationalität und Empathie als Basis der Arzt-Patienten-Beziehung gelten?

Die naturwissenschaftliche Medizin kann auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte zurückblicken. Ihr stetig zunehmender Kenntnisstand von Gesetzmäßigkeiten, Funktionen und Substanzen im physiologischen Haushalt des menschlichen Körpers hat eine Vielzahl von Krankheiten beherrschbar gemacht, Seuchengefahren gebannt und unsere Lebenserwartung erheblich gesteigert.

Wie alles, was wirksam ist, bringen Erfolge der Medizin für Gesellschaft und Individuum auch problematische Nebenwirkungen hervor. Das gilt nicht zuletzt für das Arzt-Patienten-Verhältnis und die Konsequenzen solcher Störungen für das Gesundheitssystem in unserer sozialpolitischen Landschaft.

Obgleich die naturwissenschaftliche Medizin in der Präzision von Diagnose und Therapie unübertroffen ist, schlägt ihr seitens vieler Patienten als einer kritisch gesehenen oder gar ablehnenden „Schulmedizin“ kräftiges Misstrauen entgegen. Alternatives Heilen auf Grund von Erfahrungswissen mit nur begrenztem Wirksamkeitsnachweis wird mitunter auch bei schwerwiegenden Erkrankungen bevorzugt.

In der scheinbar umfassenden, objektiven und verlässlichen Aussagekraft technischer Medizin, insbesondere ihres Hochleistungssektors, gründet die „technische Versuchung“ des Mediziners. Zur Diagnose – das darf dem Arzt nicht gleichgültig sein – gehört die Erfassung der Patientenbiografie mit ihren pathologischen Einflüssen aus privatem und beruflichem Umfeld. Zur Therapie gehört die realitätsgerechte Beratung, wie mit solchen Einflüssen umzugehen ist. Die Beratung muss mehr sein als ein ärztlich verordnetes Verbot von Alkohol und Nikotin oder ein Diätplan. Realitätsgerecht ist sie nur, wenn sie die Ressourcen der Patienten korrekt einschätzt und ihn oder sein Umfeld nicht über- oder unterfordert. Dafür wiederum ist die intensive Kommunikation mit den Patienten unumgänglich, weil keine noch so hoch entwickelte Technik Aufschluss über seine individuelle Situation geben kann.

Hinzu kommt Folgendes: Der Einsatz moderner Technik erfordert immer mehr Spezialistentum bei der Verwendung der entsprechenden Geräte und der Deutung der Ergebnisse. (Und nicht selten ist dies der Ort, wo zur „technischen“ auch die „ökonomische“ Versuchung hinzutritt.) Der Patient, für den die Erkrankung einschließlich der durch sie ausgelösten Ohnmachts- und Krisenerfahrung eine Einheit bildet, erlebt diese Einheit in Facetten zerlegt, durch die seine Person und Identität regelrecht verschwindet. Dieses Erleben kann nur aushalten, wer aus sich selbst oder durch sein soziales Umfeld die ausreichende Stabilisierung erfährt. Ansonsten erdrückt dieses Erleben jeden Ansatz, das Krankheitsgeschehen aktiv zu verarbeiten, es also in die eigene Biografie zu integrieren. Passiv wie ein Baby erwartet der Patient das heilende Wunder von dem so genannten „Herrgott in Weiß“, verflucht ihn jedoch, wenn dieses Wunder nicht eintritt.

Das Vertrauen in die Technik kann gar ins Irrationale umschlagen. Dann wird die „technische Versuchung“ zur „Fortschrittsfalle“. Die beste Vorbeugung dagegen ist einerseits die Einsicht in die Begrenztheit „objektiver“ Befunde sowie andererseits eine von Rationalität geprägte Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient. Vor allem ist es die ärztliche Empathie, die den Arzt veranlasst, sich auf den individuellen Patienten einzulassen. So gesehen sind technische Verfahren notwendige und stets weiter zu entwickelnde Hilfsmittel, die dem besseren Verständnis des Patienten dienen, nicht aber die Kommunikation mit ihm repräsentieren oder gar ersetzen.

Die Aufspaltung diagnostischer und therapeutischer Prozesse unter diversen Spezialisten darf jedoch die Gesamtverantwortung und -zuständigkeit des „behandelnden“ Arztes keinesfalls verdunkeln, denn er soll das ganzheitliche Krisenmanagement in der Hand behalten. Der Patient muss ihn als seinen Ansprechpartner erfahren, bei dem alle Einzelpunkte der Behandlung wieder zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden, in welchem der Patient sich erkennen und wahrnehmen kann. Dies lässt den Patienten zu einem kompetenten Gesprächspartner des Arztes werden, wenn es z. B. um die Entscheidung zwischen therapeutischen Alternativen geht.

Die technische Versuchung kann jedoch durchaus dazu führen, dass der Arzt seinen Beruf nur noch dahin missversteht, er diene ausschließlich der Reparatur gestörter Organfunktionen. Wäre dies der Fall, so wäre über kurz oder lang seine eigene Niederlage vorprogrammiert; denn der Tod ist jedem Menschen gewiss. Der ärztliche Beruf umfasst aber auch die medizinische Begleitung im unausweichlichen Voranschreiten des Patienten auf Alter und Sterben, die Linderung von körperlichen Leiden und die Aufrechterhaltung von möglichst viel Lebensqualität, damit der Patient „bei sich“ bleiben kann. Was die technische Versuchung in Verbindung mit der ökonomischen Versuchung – mit der sie eng zusammenhängt – an Kosten im Gesundheitswesen verursacht, kann man leicht ermessen. Vor allem aber dient sie dem Patienten nicht, entmündigt ihn und lässt ihre Versprechen unerfüllt. Zum guten Arzt gehört neben der naturwissenschaftlichen Kompetenz auch die Einsicht in die Endlichkeit und Begrenztheit menschlicher Existenz.

 

 

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