Wunder I
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2000

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Verantwortung und Ökomomie in der Heilkunde" 

Beitrag zum I. Ethik-Symposium: 12. bis 14. Mai 2000 · Ostseebad Kühlungsborn

Abstract:

Medizin und Gewissen ©

Herausforderungen der Biomedizin und geschichtliche Verantwortung

Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Wunder · Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages: Recht und Ethik in der modernen Medizin · Evangelische Stiftung Alsterdorf, Dorothea-Kasten-Straße 3 · D-22292 Hamburg

  1. Wie sieht die Biomedizin ihre eigene Zukunftsentwicklung? Welche ethischen Normbrüche sind daraus absehbar?

  2. Welchen Beitrag leistet hierzu die Bioethik, schützt sie uns oder ist sie nur Legitimationsbasis der Biomedizin?

  3. Welche Positionen sind insbesondere vor dem Hintergrund unserer geschichtlichen Erfahrung dieser Entwicklung entgegenzusetzen?

In der internationalen Debatte der Biomedizin wird heute nicht mehr das Ob, sondern nur noch das Wie der Keimbahnintervention diskutiert. Die Eskalationsstufen scheinen dabei vorprogrammiert zu sein: der somatischen Gentherapie, die auf die Krankheit eines lebenden Individuums zielt, folgt die Keimbahntherapie zur Verhinderung der Weitergabe krankheitserregender Gene an die nachfolgenden Generationen. Dem Ersatz von krankheitsverursachenden Genen in der Keimbahn wird aber der Ersatz und schließlich das Hinzufügen von Genen folgen, die bestimmte Eigenschaften betreffen. Der Mensch nach Maß könnte bald schon Wirklichkeit werden.

Die „negative Eugenik“ mit ihrer plumpen Wegwahl unerwünschten menschlichen Lebens, wie sie heute z. B. durch vorgeburtliche Selektion betrieben wird, könnte bald durch eine „positive Eugenik“ ergänzt werden, bei der die genetische Ausstattung zukünftiger Menschen bewusst und durch Vernunft gelenkt zusammengestellt wird.

Nur: Wo soll der Schnitt sein, die Schwelle, die nicht mehr überschritten wird? Und vor allem:  Wird man dann, wenn die Entwicklung so weit vorangeschritten ist, diesen Punkt noch als Schwelle wahrnehmen können?

Die Möglichkeiten der Biomedizin, den Menschen nach Maß zu züchten, stellen eine Herausforderung dar, deren Dimension nur noch mit der der Kernphysik und ihrem Potenzial vergleichbar ist, die Welt für immer zu zerstören.

Die internationalen Regulierungsversuche, wie die Bioethik-Konvention des Europarates und die Unesco-Deklaration zum menschlichen Genom, können die Entwicklung bisher nicht aufhalten. Im Gegenteil: Durch die Ermöglichung der Embryonenforschung, dem strategischen Nadelöhr für die Weiterentwicklung der Gentherapie, und mit dem nur auf fünf Jahre beschränkten Verbot der Keimbahnintervention, aber der gleichzeitigen Erlaubnis der Forschung zur Keimbahnintervention, wird die biomedizinische Entwicklung noch beschleunigt. Hinzukommt die vorgesehene Freigabe der medizinischen Forschung an nicht einwilligungsfähigen Menschen, was mehr als die Themen Embryonenforschung und Keimbahnintervention viele Menschen gerade in Deutschland empört hat.

Gegen die Bioethik-Konvention sind 1997 und 1998 in Deutschland 2,5 Millionen Unterschriften gesammelt worden. Damit konnte erreicht werden, dass die Bundesregierung diese Konvention bisher weder unterzeichnet noch ratifiziert hat.

In keinem anderen Land Europas gab es eine solch starke Kritikbewegung. Dies kann nur mit unserer Geschichte erklärt werden und damit, dass diese Geschichte vielen Menschen – viel mehr als auch wir Biomedizin-KritikerInnen geglaubt haben – kritisch bewusst ist.

Wichtiger Bezugspunkt der öffentlichen Kritik und der Diskussion um eine zukünftige Ethik einer humanen Medizin ist dabei der Nürnberger Kodex. Dieser wurde angesichts der Schrecken der Nazi-Medizin 1947 von den Richtern von Nürnberg formuliert. Er war die Entscheidungsgrundlage für die juristische Beurteilung der medizinischen und eugenischen Verbrechen, für die die Namen Auschwitz und Hadamar stehen. Er ist aber mehr: Er ist die völkerrechtlich verbindliche und allgemein ethische Grundlage für eine humane Medizin überhaupt und hat von seiner Gültigkeit bis heute nichts eingebüßt.

Nach dem Nürnberger Kodex steht der Mensch mit seinen menschenrechtlich garantierten, individuellen Grundrechten im Mittelpunkt der Medizin, nicht die medizinische Forschung, nicht der wissenschaftliche Fortschritt und nicht der Nutzen der Gesellschaft.

Eine Ethik für eine Medizin nach Auschwitz muss sich an diesen Prinzipien des Nürnberger Kodex messen lassen. Verweise auf “übergeordnete Interessen” und auf das “Wohl kommender Generationen” oder der “Spezies Mensch”, mit denen die Bioethik die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Menschen und Eingriffe in die Keimbahn zu rechtfertigen versucht, stellen vor dem Hintergrund unserer Geschichte eine gefährliche Wiederholung dar.

Damit wieder das Ob diskutiert wird und damit der Traum der Genetiker von der vernunftgelenkten Selbst-Evolution des Menschen als ebenso alt wie gefährlich erkannt wird und genetische Verbesserungsversuche des Menschen geächtet werden, muss eine breite, historisch informierte und kritische Diskussion über die Biomedizin geführt werden. Diese fehlt bisher weitgehend.

Eine humane Medizin der Zukunft muss das Gendogma der Biomedizin überwinden und das Gesamtspektrum der sozialen, biologischen, psychologischen und spirituellen Sichtweisen des Menschen umfassen. Das Bewusstsein über unsere Geschichte könnte dabei eine Stärke sein, da sie uns zur Wachsamkeit und zur Sensibilität verpflichtet.

 

 

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