Meier-Seethaler I
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2000

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Verantwortung und Ökomomie in der Heilkunde" 

Beitrag zum I. Ethik-Symposium: 12. bis 14. Mai 2000 · Ostseebad Kühlungsborn

Abstract:

Der Begriff der Wertfreiheit in der Wissenschaft im Zusammenhang mit der Verbannung der Emotionen aus dem wissenschaftlichen Diskurs  ©

Dr. phil. Carola Meier-Seethaler,  Moserstraße 42, CH-3014 Bern

  1. Was heisst „Wertfreiheit“ in der Wissenschaft?

  2. Wie werden Werturteile gewonnen?
  3. Warum wurde die emotionale Urteilskraft missbilligt und wie kann sie  einbezogen werden?

Ad eins

Der Begriff geht auf Max Weber zurück, ist aber in seiner Bedeutung missverstanden worden. Als Soziologe verstand Weber unter Wertfreiheit die möglichst objektive Beobachtung fremder Kulturen, d. h. sich der aus der eigenen Kultur stammenden Werturteile zu enthalten, um die anderer in ihrer Eigenart zu erfassen. Nach Weber sind alle kulturellen Äußerungen -seien sie religiöser, moralischer, wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Art- von Wertideen konstituiert. Dies nennt er die Wertrationalität einer Kultur.

Zu den reinen Tatsachenwissenschaften gehört die Richtigkeitsrationalität, d. h. die empirisch nachprüfbare Übereinstimmung zwischen Annahmen und Tatsachen.

Schliesslich ordnet Weber die Zweckrationalität, die nach geeigneten Mitteln sucht, um bestimmte Ziele zu erreichen, den angewandten Wissenschaften und der Politik zu. Die Ziele der Wissenschaften sind Wertinteressen, die der empirischen Forschung die Richtung vorgeben und über die sich Forscher und Forschungspolitik Rechenschaft ablegen müssen.

Ad zwei

Dazu bedarf es eines erweiterten Vernunftbegriffs, der emotionale Urteile einbezieht und deren Zustandekommen ermittelt. Dazu meine These: Das primäre „Organ“ für Werturteile sind unsere Gefühle, denn alle Gefühle sind Qualitätsurteile im Sinne einer Werttönung.

Die für unser Überleben unverzichtbaren Sinnes- und Schmerzempfindungen sind Qualitätsurteile, die sich auf einer nuancierten Skala von positiven und negativen Bewertungen bewegen.

Das breiteste Spektrum nehmen zwischenmenschliche und selbstreferenzielle Gefühle ein, mit denen wir unsere Beziehungen zur Mitwelt und unsere Selbstwahrnehmung einschätzen.

Auch ästhetische und ethische Werturteile beruhen auf der emotionalen Gabe der Unterscheidung. Allerdings handelt es sich dabei um reflektierte Gefühle. Shaftesbury nannte den „moral sense“ „reflective affections“ und definiert sie als die Fähigkeit, unsere Gefühle und Motivationen nach ihrer moralischen Relevanz zu beurteilen. Emotionen sind der Keim für unsere Motivationen und bilden damit auch den Antrieb zum Handeln.

In unseren ethischen Wertbegriffen steckt beides: das Wertempfinden -als Mitgefühl, als Gefühl für Würde oder deren Missachtung, als Zustimmung oder Empörung, Scham und Schuldgefühl- und der moralische Impuls, Verantwortung zu übernehmen.

Hans Jonas: Das Fühlen ist „das kardinale Datum der Moral, und als solches schon im `Soll` impliziert“. Und: „Die Kluft zwischen abstrakter Sanktion und konkreter Motivation muss vom Bogen des Gefühls überspannt werden, der allein den Willen bewegen kann“.

Die neueste Hirnforschung hat die fundamentale Bedeutung der Gefühle für die geistige Orientierung und das verantwortliche Handeln bestätigt.

Ad drei

Bei der Skepsis gegenüber Gefühlen verschränken sich methodische und philosophisch-psychologische Faktoren. Der methodische Anspruch der Naturwissenschaften seit Bacon ließ nur quantitative Daten als objektive, weil im Experiment wiederholbare Daten gelten. Das führte zur Spaltung zwischen „harten“ und „weichen“ Wissenschaften, zwischen „science“ im eigentlichen Sinn und den zweitrangigen Humanwissenschaften.

Die Verdrängung der Gefühle aus dem Erkenntnisprozess hängt aber auch mit der philosophischen Geist-Leben-Spaltung zusammen, die ihrerseits sexistisch eingefärbt ist: Der als männlich apostrophierte Geist sollte die weiblich gedachte Natur -als passive Materie oder als sterbliches Leben- beherrschen, verbessern, überflügeln bis hin zur Vision eines postbiologischen Zeitalters.

Auf der Linie des Machbarkeitsehrgeizes und nach der Inthronisierung der (Natur-) Wissenschaft als höchsten gesellschaftlichen Wert besteht die Gefahr, dass die Ehrfurcht vor dem Leben und die Fragen nach Lebensqualität und sozialer Verantwortung auf der Strecke bleiben.

Dazu bedürfte es der emotionalen Vernunft, und zwar nicht erst als nachträgliche Beurteilung „wertfreier“ Forschung, sondern schon bei deren Zielsetzung und Durchführung. Sobald es um lebendige „Objekte“ geht, gehört Empathie schon zum methodischen Vorgehen, etwa bei Tierversuchen oder im Umgang mit nichteinwilligungsfähigen Personen.

Hinzu kommt die Rücksichtnahme gegenüber den emotionalen Bindungen zwischen Patienten und Angehörigen, gegenüber gesellschaftlicher Solidarität und religiösen Orientierungen.

Die alte Trennlinie zwischen Rationalität und Irrationalität ist neu zu ziehen: Sie verläuft nicht zwischen Verstand und Gefühl, sondern zwischen selbstkritisch reflektierten Interessen und offen gelegten Methoden einerseits und unreflektierten Meinungen und verdrängten Motiven andererseits.

Rational ist nur das Transparente, ob es sich um Denken, Fühlen oder Wollen handelt. Und nur auf dieser Grundlage gibt es einen verantwortlichen Diskurs über das moralisch Erlaubte und das forschungspolitisch Wünschbare.

 

 

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