Möller III
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2002

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf das werdende menschliche Leben" 

Beitrag zum III. Ethik-Symposium: 03. bis 05. Mai 2002 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Hippokrates trifft McDonald's ©

Über ethische Fragestellungen in einer verwandelten Heilkunde  

Dr. phil. Peter-Alexander Möller · Ethik, Gesundheitsökonomie, medizinische Trends · Gruppe Ethik-21 · c/o Gräflingsweg 24 · D-22844 Norderstedt 

  1. Inwieweit haben Fürsorge und Respekt vor der Selbstzwecklichkeit des Menschen in einer verwandelten Heilkunde ihren festen Ort?

  2. Inwieweit ist die Erfüllung des Patientenwunsches Pflicht und Aufgabe ärztlichen Selbstverständnisses?

  3. Welche Formen der Kommunikation stehen im Einklang mit der Würde und Selbstbestimmung aller am Heil- und Pflegeprozess Beteiligten?

Die Medizin als ein eigenständiger Bereich der Heilkunde hat im Grunde keine Möglichkeit, sich aus eigener Kraft gegenüber der Gesellschaft, der Gegenwart und der Zukunft zu legitimieren. Sie kann höchst unterschiedlich bewertet werden: als medizinisches Handlungssystem, als Wissenschaft oder in zunehmendem Maße auch als Politik- und Wirtschaftsbereich. In allen Wertungszusammenhängen ist sie jedoch stets ein lebendiger Bestandteil der Kultur. Die Verantwortlichkeit in der Medizin und Heilkunde muss folgegemäß über mehrere Disziplinen, und d. h. auch über verschiedenartig bestimmte Diskurse angelegt sein. Innerhalb ihrer unterschiedlich zu bestimmenden Aufgabenbereiche gilt es sich im gemeinsamen Diskurs unmissverständlich und einvernehmlich auf die zentralen spezifischen Sichtweisen der (be-)handelnden Akteure einzulassen: die Heilkunde vollzieht sich letzendlich immer in Verbindung mit einer Beziehung zwischen Arzt und Patient bzw. auch Anbieter und Kunde. Gleiches gilt auch für die zu behandelnden Menschen. Für den leidenden bzw. den akut oder chronisch erkrankten Mitmenschen ist keineswegs die Begründungsführung über etwaige Berufsnormen ausschlaggebend. Sie helfen ihm bei seinem individuellen Begehren nicht.

Ein wesentliches Interesse in der Medizin muss auf das wiederholte – sich stets erneuernde – Bemühen um eine zeitgemäße, innovations- und entwicklungsoffene sowie in nachhaltiger Weise verantwortbare Gestalt zu einer viele Bereiche umfassenden heilkundlichen Existenz fokussiert sein: Hier geht es um das Ethos, um die eigentliche Identität der Medizin bzw. um ihren Kern. Die notwendige Inanspruchnahme medizinischer Existenzen ist von Seiten des heilkundigen Behandlers – so im besonderen Maße des Arztes – und des Behandelten – so im besonderen Maße des Patienten – in der Vergangenheit immer auch mit Fragen nach der allgemein gesellschaftlichen und der individuellen Kultur verbunden gewesen. Dies reichte für die Beantwortung vieler, teils sogar existenzieller Fragen zumeist aus. Jedoch auf die Gegenwart und Zukunft bezogen sind in der Medizin und Heilkunde zudem handlungsgemäße Fragen bezüglich eines grundlegenden Ethos’ von (leid-)tragender Bedeutung. Dies gilt zumindest dann, sofern einer fortschrittlichen und gleichzeitig  fürsorglich bleibenden Heilkunde ein weiterhin legitimes Bestehen und ein legitimer Bestand zugestanden werden soll.

War in der Medizin und Heilkunde das ihr innewohnende Ethos bislang maßgeblich über das "Nicht-verfügen-Können" oder auch über technische Unzulänglichkeiten mitbestimmt worden, so brauchte das allem Handeln zu Grund gelegte Ethos eigentlich niemals ernsthaft thematisiert zu werden. Allein durch den auf Hippokrates geleisteten Eid konnte es zumeist als irgendwie gegeben vorausgesetzt werden. Jedoch spätestens mit den stets weiter zu optimierenden Machbarkeiten und den sich hyperdynamisch entfaltenden bio- und nanotechnischen Entwicklungen treten sowohl Fragen bezüglich der ökonomischen Tragfähigkeit traditioneller Versorgungskonzepte und -muster auf als auch Fragen bezüglich einer neuen moralischen Entscheidungsinstanz in der Heilkunst selbst. Dies alles betrifft nicht zuletzt auch die den technischen Neuerungen nacheilenden Selbstverständigungsprozesse der Gesellschaft. Die neue Erzeugung sozialmoralischer Ordnungen wechselwirkt mit der Wissenschaft, der Technik und der Ökonomie in der Art und Weise, dass hier sowohl das Recht als auch die Moral einen Ergänzungs- und Steuerungsstatus zugewiesen bekommt. Die grundsätzliche Entscheidung darüber, wer oder was sich hierbei wem anpasst steht zwangsläufig an. Sofern praktisch umsetzbare Fortschritte – gleich, ob wir sie zurzeit emotional annehmen wollen oder nicht – technisch machbar oder zumindest machbarer geworden sind, sind darüber unmissverständlich Fakten vorgegeben, die unser Selbstverständnis als moralisch handelnde Personen samt unser Erwägungen und Erwartungen formen und auch begrenzen. Wie gestalten wir unser neues anthropotechnisch instrumentalisierte Selbstbild? Unauflöslich sind damit weitergehende elementare Grundfragen verbunden: „Wer sind wir?“ und „Wer möchten wir sein?“ Geht es hierbei um immer leichtfertigere, zunehmend risikoärmer und praktikabler werdende, d. h. rein technisch auszulegende Selbstoptimierungen des Menschen oder geht es um zunehmende Wissensverfügungen über unsere eigene Natur und das damit verbundene Selbstverständnis sich selbst als moralisch handelnde Person begreifen zu können? Oder geht es um beide Fragestellungen? Eine zusätzliche Frage ist, welche Rolle dabei die Ökonomie spielt bzw., ob ihr hierbei wo möglich eine (neue) Verantwortung und Steuerungs-Aufgabe zukommt?

So ist u. a. augenfällig, dass in der Heilkunde keinesfalls mehr alles das, was die Ausgestaltung der medizinischen Versorgung betrifft in der Hand der Therapeuten alleine liegt. Medizin wird in zunehmendem Maße von der Verwaltung gemacht. Entsprechend gewinnt auch eine zusätzliche Komponente, die des wechselseitigen Austausches zwischen Gesundheitsökonomie, Politik und Medizin an Bedeutung. Zudem bleibt es ein durchaus verständliches und vorgebliches Ziel die "alte Heilkunst" mit neuen relevanten betriebswirtschaftlichen Charakteristika in Verbindung zu bringen. In Bezug auf die im Grunde diametralen Endpunkte "Heilkunst" versus "Kaufkunst" muss es gelten deren ursprüngliche Gegensätzlichkeiten vermittels Ethik in ein von gemeinsamer Verantwortung getragenes Spannungsverhältnis zu bringen. Dieses Anliegen kann ein wert(e)voller Versuch sein die moderne Medizin sowohl maßvoller, bedarfsgerechter und für die Zukunft strukturierter zu präsentieren als auch die Medizin von der Ausbildung her mit neuen Gesichtspunkten zu konfrontieren.

Wichtig ist dabei jedoch jede Ökonomiebestrebung von Beginn an mit ethischen Belangen zu verbinden und unverrückbar zu durchdringen.

Der nachhaltige Wandel in den Grundlagen des Wandels verändert zweifelsohne die Identität der Heilberufe und deren moderne Suche nach einem tragfähigen sowie für alle Beteiligten verbindlichen Ethos. Der Wandel bedingt, dass die weiteren Entwicklungen des Ökonomisierungs- sowie Globalisierungsprozesses nebst deren Auswirkungen auf ein bislang von Nationalstaatlichkeit ausgerichtetes Gesundheitssystem fortan einen Umbruch der Werte implizieren, sodass in fortlaufender Technisierung und IT-isierung der Präventions- und Behandlungskonzepte die Medizin durchaus immer komplexer werden kann, wo dann unter Umständen immer auch wieder "individuelle" Limitierungen von Nöten und vor allem auch umsetzbar sind. Es geht hierbei um eine an ethischen Vorgaben orientierte und im hohen Maße mitmenschlich sowie kommunikativ bleibende "Medizin nach Maß". Es bleibt dabei zunächst einmal ohne Belang unter welcher Prämisse man den modernen heilkundlich-medizinischen Sektor betrachten möchte, ob weiterhin als "Gesundheitswesen" bzw. "Gesundheitssystem" oder zukünftig eher als lockeren Verbund einer „Gesundheitsszene“ bzw. gar als "Gesundheitsmarkt" vergleichbar dem US-amerikanischen Muster eines "Market-driven-health-Care". In allen Fällen ist eine Auseinandersetzung mit zusätzlichen Gesichtspunkten wie der Qualitätssicherung, der Transparenz und der umfangreichen Dokumentation hinsichtlich eines Patienten- bzw. Verbraucherschutzes, der Kostenkontrolle sowie der Standardisierungen im Ökonomiebereich ein Muss und eine Konsequenz. Es geht dabei um die Einsicht, dass die Würde vor dem Selbstzweck und der grundsätzlichen Unabwägbarkeit des Menschseins ein ethisches Antlitz bewahrt. Das Gleiche betrifft die gemeinschaftliche Verantwortung, den sich wechselseitig zu zollenden Respekt, die gegenseitige Wertschätzung und die durchgehende Kompatibilität etwaiger Normen. Und im anvisierten Diskurs geht es weiter um die Einsicht, dass man insbesondere in der Medizin und Heilkunde "Qualität" zu guter Letzt nicht im Sinne perfekt formalisierter Verfahren als eine rein technische Größe produzieren kann.

Modernes Heilen wird jedoch – gleich ob das von den Hauptbetroffenen gemocht wird oder nicht – zukünftig auch ökonomisches Denken sein (müssen). Umso mehr wird an den vielfältigen Schnittstellen zwischen der Kultur der Heilberufe und der Kultur der betriebswirtschaftlichen Ökonomie eine ethische Kontrolle bzw. ein neues Schnittstellenmanagement erforderlich sein. Dies wird allein schon darum notwendig sein, um die angedeuteten Entwicklungen nicht im Chaos enden zu lassen. Ansonsten entsteht bei einem sich bildlich vorzustellenden gemeinsamen Mahl durchaus Folgendes: Hippokrates trifft McDonald's ... und verweigert die Nahrung [1].

Referenz:

  1. So war ein Erkenntnisstand auf dem Hamburger Kolloquium der Gruppe Ethik-21 "Medizinethik und Ökonomie" im Jahre 2000.

 

 

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