MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf werdendes menschliches Leben"
Beitrag
zum III. Ethik-Symposium: 03. bis 05. Mai 2002
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Die
Gesundheit von humanen Biofakten
©
Dr.
rer. nat. Nicole C. Karafyllis ·
Ökologie
und Technikphilosophie
·
Inst.
f. Polytechnik / Arbeitslehre, FB 03, Pf. 248
·
Goethe
Universität Frankfurt a. M. ·
D-60054
Frankfurt a. M.
-
Welche
Bedeutung kommen den Technikwissenschaften entlehnte Begriffe wie
„Funktion“ und „Programm“ in der modernen Biomedizin zu?
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Aus
welchen Gründen haben diese Semantiken Eingang in die Medizin gefunden?
-
Was
bedeutet dieser Modelltransfer aus den Ingenieurswissenschaften in die
Life-Sciences für das Bild vom werdenden und wachsenden Menschen und auch für
das Selbstverständnis der Medizin selbst?
Mein
Beitrag behandelt wissenschaftstheoretische und ethische Fragen der
Menschwerdung und Gesundung im Zeitalter der Biomedizinalisierung. Das
menschliche Leben, so die Hauptthese, vollzieht sich in diesem Zeitalter
zwischen zwei Extremen: zwischen einem Leben, das auf Grund von im genetischen
Code programmierten Funktionen ausgeführt wird, und einem Leben, das
sich nach und nach mit wachsender Erfahrung selbst gestaltet. Es soll
geklärt werden, wie die aus den Technikwissenschaften entlehnten Begriffe vom
„Programm“ und der „Funktion“ überhaupt Eingang in den Bereich der
Lebewesen, und damit auch in die Medizin, finden konnten. Es hat offensichtlich
ein Modelltransfer aus den Ingenieurswissenschaften in die
Life Sciences stattgefunden.
Was bedeutet dieser Modelltransfer für das Bild vom werdenden und wachsenden
Menschen und auch für das Selbstverständnis der Medizin selbst?
Ein
Programm ist eine Vor-Schrift, die in kleine Einzelschritte zerlegt ist und mit
Hilfe von elektronischen Automaten zur Lösung einer bestimmten Aufgabe dienen
soll. Ihre Schrift ist in Form von einer Maschinensprache, einem Code,
abgefasst. So ermöglicht ein Programm, vermittelt über die dem Programmierer
bekannte Struktur des Codes, gleichzeitig ein Überprüfen, ob die ausgeführten
Funktionen richtig oder falsch in Bezug auf die Programmierungszielsetzung sind.
Programme ermöglichen Kontrolle. Es ist seit bald 100 Jahren Usus, das
menschliche Genom, das in Form der DNA-Struktur vorliegt, in der Biomedizin als
genetisches Programm, als Code zu versinnbildlichen [1]. Chistoph Rehmann-Sutter
unterscheidet idealtypisch zwei Genomtheorien, die sich in einer Reihe
grundlegender Aspekte unterscheiden. Die eine geht davon aus, dass das Genom
eine Art Text ist, der Informationen enthält, die die Entwicklung
anleiten und die innere Struktur und Eigenschaften, oft im Zusammenhang mit
Umweltfaktoren, festlegt. Dies ist die so genannte Theorie des genetischen
Programms [2]. Die DNA wird dabei vorgestellt als lineare Zeichenfolge, die
Vorschriften für die nacheinander auszuführenden Entwicklungsschritte sowie für
deren Abfolge enthält. Die Entwicklung selbst erscheint als die Ausführung der
Instruktionen; die Zelle muss so viel Infrastruktur mitbringen, wie zur Ablesung
und Umsetzung des Programms nötig ist. In den letzten Jahren wurden immer mehr
biologische Phänomene gefunden, die mit der Semantik vom Programm nicht übereinstimmen.
Auch, und dies ist ein massiver wissenschaftstheoretischer Einwand, muss das
System, in dem sich das Programm manifestiert, immer erst schon vorhanden sein.
Es gibt also in Bezug auf das Leben nicht eine abstrakte Vor-Schrift, ohne dass
bereits die materiale Struktur, der sich diese Vor-Schrift erst ihre Bedeutung
verdankt, vorhanden ist. Wie die erste Zelle aber zu Stande kommt, ist unklar.
Das
als Modell dienende, ingenieurstechnische System, in dem Programme ausgeführt
und entsprechende gesetzte Funktionen erbracht werden, ist ein statisches, das
zur Beschreibung von technischen Artefakten entwickelt wurde. Es hat definierte
Grenzen und Kennlinien, die erst Bezugspunkte für eine Normierung von
Funktionen, wie sie in den Technikwissenschaften angestrebt wird, bieten.
Normierung ist Bedingung für Optimierung. Genau dies ist die Gefahr, die von
Kritikern der biomedizinischen Forschung gewähnt wird: die Gefahr, menschliches
Leben optimieren zu wollen und dies in naher Zukunft auch zu können. Die
Metapher des Programms stellt die Frage nach dem Programmierer und auch die
Frage, durch wen wir Menschen gedenken, uns „Vor-Schriften” machen zu
lassen.
Im
Gegensatz zu Artefakten können sich Lebewesen wandeln, ihre Form, die
quantitativen und qualitativen Bestandteile ihrer materialen Zusammensetzung,
ihre Ansichten, ihre Ideale, ihre Träume, ihre Ängste. Dieser Wandel ist nicht
mit Hilfe des Programms erklärbar und daher auch nicht kontrollierbar, ebenso
wenig wie der Tod. Der Tod ist, um im metaphorischen Sprachgebrauch der
Informatiker zu bleiben, gleichermaßen ein Programmierfehler und als Folge ein
„Systemabsturz“, und daher im Systementwurf selbst nicht vorgesehen. Wie
kann damit in der Wissenschaft umgegangen werden? Ein Versuch, charakteristische
Lebenszüge zumindest unabhängig von der verfallenden Materie zu erhalten und
sich damit der Grenzsetzung durch Tod zu entziehen, sind die Forschungsbemühungen
um biomaschinelle Lebensformen. Replikanten und Cyborgs können als biotechnisch
erzeugte Artefakte, als Biofakte [3] mit so genanntem „flesh factor”
verstanden werden: Sie haben humanoide Züge, aber ihre Genese verdanken sie
einem konstruierenden Menschen, der bestimmte Absichten verfolgt. Ihr
„Leben“ ist niemals im Werden, denn dann wäre das Risiko zu hoch, dass die
geplanten Zwecke, die Grundlage der biotechnischen Schöpfung waren, nicht mehr
erfüllt werden. Werden Funktionen nicht mehr ordnungsgemäß ausgeführt, kann
das Biofakt repariert werden. Entwickeln kann und darf es sich jedoch nicht.
Nun
ist aber der individuelle Mensch als imaginäres System nicht statisch, sondern
in seinem Werden von Anbeginn an im Wandel. Er entfaltet sich, und dies nicht
nur stereotyp gemäß eines in ihm angelegten genetischen Programms. Dieser
Sicht entspricht auf molekularbiologischer Ebene ein Ansatz, den man als
„systemischen Ansatz“ der Genomtheorie bezeichnen kann. Die Bedeutung, die
DNA-Sequenzen für das Individuum haben, ergibt sich dann aus dem jeweiligen
Kontext des entsprechenden Mikromilieus der Zelle, innerhalb der Architektur des
gesamten Organismus und innerhalb einer bestimmten Umwelt. Der Organismus ist
dann sozusagen ‚Autor’ seiner eigenen genetischen Information: er liest sie
nicht von der DNA ab, sondern entwickelt seinen Text fortwährend selbst
in der Sprache seiner phänotypischen Wirklichkeit [2]. War die DNA,
interpretiert als Text, in der Programmtheorie eine Vorschrift, eine Instruktion
für eine bestimmte Funktion, so ist sie im systemischen Ansatz nur ein Indiz,
eine Möglichkeit, neben anderen Möglichkeiten im Hinblick auf die menschliche
Gesundheit eines Lebewesens mit einem Leben, das stets im Werden ist.
Nichtsdestotrotz wird auch in dieser biomedizinischen Sichtweise vom Menschen
auf zellulärer Ebene abstrakt als „Organismus“ gesprochen, auf der Ebene
der Bedeutungsentfaltung erst wird der Mensch für die Biomedizin zum
Individuum. Durch die Individualisierung entfällt das menschliche Leben aus dem
Gegenstandsbereich der biomedizinischen Forschung, die stets nur Aussagen über
Modellorganismen trifft. Über das werdende Leben von Individuen kann die
biomedizinische Forschung guten Gewissens nur Randbedingungen skizzieren und
Wahrscheinlichkeiten aussagen, jedoch kann sie keine Prognosen über Lebensverläufe
abgeben.
Das
Bedürfnis nach Kontrolle über die Natur, die innere wie die äußere, ist zu
Beginn des 21. Jahrhunderts sehr stark. Wir müssen uns nun fragen, wie
viel Kontrolle uns und den uns nachfolgenden Generationen gut tut. Kontrolle ist
dann unabdingbar, wenn uns wirkliche Gefahren drohen. Aber ist es für den
individuellen Menschen schon eine Gefahr, dass seine Zukunft, auch die
Gesundheit betreffend, offen ist?
Referenzen:
-
Kay
LE. Who wrote the book of life? Stanford:
Stanford
University Press, 2000.
-
Rehmann-Sutter
C. Prädiktive Vernunft und medizinische Genetik. In: Karafyllis NC, Schmidt
JC. Hrsg. Zugänge zur
Rationalität. Stuttgart: Metzler,
2002.
-
Karafyllis
NC. Biologisch, natürlich, nachhaltig. Philosophische Aspekte des
Naturzugangs im 21. Jahrhundert. Tübingen / Basel:
A. Francke,
2001: 189.