IV.
KÜHLUNGSBORNER
GESPRÄCHE
"Das Ethos
in der Heilkunde – Medizinische Gegenwart und Zukunft"
09. bis
11. Mai 2003
· Seebad Kühlungsborn
Zwei Abstracts:
Vortrag
Zur
Versicherungsfähigkeit chronisch kranker Menschen
©
Die
Situation in der GKV und die Anpassungserfordernisse in der PKV
Prof.
Dr. rer. soc. Frank Schulz-Nieswandt ·
Seminar für Sozialpolitik ·
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln ·
Albertus-Magnus-Platz ·
D- 50923 Köln
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Zerbricht
die solidarische Gesetzliche Krankenversicherung an dem Umverteilungsbedarf
der chronisch kranken Bevölkerung?
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Liegt
die Schlüssellösung in der lebensführungsbezogenen Prävention im
Lebenslauf und stellt sich das Problem folglich weniger als immanent
sozialversicherungslogisches denn als kulturelles Problem?
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Wie
stellt sich – verfassungsrechtliche Vorgaben beachtend – das
Anpassungsproblem der Privaten Krankenversicherung? Bedarf die PKV einer
Konvergenz zur GKV im Sinne einer zunehmenden internen
Risikovergemeinschaftung, insbesondere angesichts der Vision einer
genetischen Durchleuchtung der Menschen ab Geburt?
Die
empirischen Studien zeigen, dass ein großer Teil der Umverteilungsprozesse der
(90 % der Bevölkerung umfassenden) GKV auf den ausgabenintensiven Profilen
der chronisch kranken Bevölkerung beruht. Mit Bezug auf die erste Frage ist (25 %
der Analyse) nachzuzeichnen, wie sich die GKV angesichts dieser Chronifizierung
strukturell entwickelt (Risikostrukturausgleich, Disease Management Programme
etc.).
Es
schließt sich – mit Bezug auf die zweite Frage (25 % der Analyse) –
die Thematik an, ob es sich überhaupt um ein schwer lösbares Problem im
immanenten Rahmen der Sozialversicherungslogik handelt oder vielmehr um ein
sozialversicherungsexogenes kulturelles Problem: Schafft die Gesellschaft einen
merklichen Sprung in der Überwindung der Wirksamkeit verhaltensbezogener
Risikofaktoren? Können die Krankenkassen – auch als Gesundheitskassen – an
diesem lebenslaufbezogenen Präventionsprogramm überhaupt Entscheidendes
bewirken? Kämpft die Gesundheitskasse nicht gegen die persönlichkeitsformenden
Kräfte unserer Arbeits- und Konsumgesellschaft chancenlos an? Ungeachtet dieser
Problemlagen in der GKV-Welt gilt es, sich auch sozialpolitischen Fragen der
PKV-Welt zu widmen.
Mit
Bezug auf die dritte Frage (50 % der Analyse) ist im Lichte der
Herausforderung der Chronifizierung des Krankheitspanoramas in der Bevölkerung
nach dem Verhältnis von GKV und PKV gestalthaft zu fragen. Wie muss sich die
PKV auf diesen Wandel im Krankheitspanorama einstellen? Wird sie nicht Wesenszüge
der GKV annehmen müssen, soll sie – auch – sozial akzeptabel sein?
Diskurs / Workshop
Kommunikationsprobleme in
der modernen Medizin ©
Prof.
Dr. rer. soc. Frank Schulz-Nieswandt ·
Seminar für Sozialpolitik ·
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln ·
Albertus-Magnus-Platz ·
D- 50923 Köln
Dr.
rer. pol. Ulrike Töllner-Bauer ·
Qualitätssicherung
und Krankenhausmanagement
·
Abt. Qualitätsmanagement des Klinikums der Universität zu Köln, Gebäude 47
·
Joseph
Stelzmann Str. 9
·
D-50924 Köln
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Lässt
sich phänomenologisch im Kern ein gemeinsames, zentrales Muster der
Kommunikationsprobleme, die im modernen Gesundheitswesen geradezu ubiquitär
sind, ausmachen?
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Was
sind die grundlegenden Ursachen dieser Kommunikationsprobleme
(a) auf der zeitmodalen Ebene des Handelns einzelner Akteure,
(b) vor dem zeitmodalen Hintergrund der gesellschaftlichen Verhältnisse,
insbesondere der Institutionen des medizinischen Leistungsgeschehens sowie
ihrer normativ-rechtlichen und regulativen Vorgaben und
(c) auf der zeitmodalen Ebene der kulturellen Prägungskontexte von langer
historischer Dauer (im Sinne von Mentalitäten, kulturell codierten
kognitiven Orientierungen, diskursiven und institutionellen Praktiken)?
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Wie und
wo kann eine Reformpolitik ansetzen, wobei unterschiedliche (kürzere und längere)
Zeithorizonte der Gestaltung ebenso wie ein differenziertes Setting von
Interventionstypen (ökonomische Anreize, Sozialisation und Ausbildung,
Rechtsansprüche, Klagewege und Sanktionen oder neue betriebliche Leistungserstellungsformen sowie neue interne Organisationsmilieus etc.)
Beachtung finden sollten?
Das
Thema „Kommunikationsprobleme in der modernen Medizin“ ist außerordentlich
modisch, aber es ist dies in erstaunlicher Dauerhaftigkeit. Das Thema ist
Gegenstand unzähliger populärer Diskussionen geworden. Tatsächlich ist es von
umfangreicher empirischer Evidenz und eines der wichtigsten Themen der
wissenschaftlichen Forschung zum Gesundheitswesen – auch in reformpolitischer
Absicht. In gesundheitsökonomischer Hinsicht gehören die
Kommunikationsprobleme zu den chronischen Insuffizienzen des deutschen
Gesundheitswesens und induzieren desintegrationsbedingte Qualitätsprobleme
ebenso wie ressourcenbezogene Ineffizienzen. Ihr Abbau gehört zu den
dringlichsten Aufgaben heutiger Gesundheitspolitik, gerade auch angesichts einer
demografisch alternden und ethnisch gemischten Gesellschaft, da sich im Lichte
dieses sozialehn Wandels die Informationsbedürfnisse der Menschen erheblich erhöhen.
Das
Thema der gestörten oder gar fehlenden Kommunikationsprozesse in der Medizin
gehört zu den Standardthemen der Medizinsoziologie seit über 40 Jahren. Als
„sprachlose Medizin“ wurde es formuliert und anamnetisch bereits in den
Ausbildungsprozessen der Medizinstudenten verankert gesehen, ja – tiefer noch:
als Ausdruck einer homo faber-Ideologie der Medizin als angewandter Wissenschaft mit
einem dominant somatisch orientierten technischen Heilverständnis, wobei dieser
homo faber medicus einem kulturellen
Code folgt, der den konkreten Menschen aus seiner ganzheitlichen Lebenslage und
sozialen Biografie löst und sich auf den pathologisierten Körper kapriziert.
Manches
hat sich an dieser Situation geändert – man denke nur an neue
Kooperationsformen zwischen dem niedergelassenen Hausarzt und den
gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppen (nun auch § 20 SGB V). Aber an den großen
Strukturen dieser medizinischen Mentalität, den entsprechenden Diskursen und
den institutionellen Praktiken in ihrer tief verankerten Grammatik im
betrieblichen Alltag hat sich im Prinzip nicht viel geändert.
Die
Kommunikationsprobleme sind vielgestaltig und finden sich in allen Teilsystemen
des medizinisch-pflegerischen Prozessgeschehen. Sie sind die Grundlage für
inter-subjektive Kooperationsprobleme und verhindern (im Wirkungsgefüge mit den
sozialrechtlichen Vorgaben und den leistungsrechtlich-kostenträgerschaftlichen
Fragmentierungen sowie der überholten insularen Betriebsformen des
Gesundheitswesens) eine integrierte Versorgung, die den personalen Lebenslagen
(also dem Menschen in seinen Ressourcensituationen) passungsfähige Leistungen
ermöglichen würde. Die sozialen Figurationen, in denen massive
Kommunikationsprobleme auftreten, sind vielerlei Art: Sie finden im Krankenhaus
ebenso statt wie in der Praxis des niedergelassenen Arztes, sie finden statt bei
Übergabe- und Weiterleitungsgesprächen, bei Aufnahme- wie
Entlassungsprozeduren, bei Reha- und Pflegesicherstellung, in der Diagnostik wie
in therapeutischen Prozess. Es handelt sich um Kommunikationsprobleme zwischen
Ärzten, zwischen Ärzten und Patienten bzw. den Angehörigen, zwischen Ärzten
und Pflegeprofessionen oder anderen therapeutischen Berufsgruppen usw. Phänomenologisch
kommen formale Eigenschaften der sozialen Beziehung (Asymmetrien, Doppelung von
Herrschaftssprache und alltäglicher Umgangssprache, Kleidungsordnungen
u.v.a.m.) ebenso zur Wirkung wie kognitive Ordnungen (Körper-Seele-Dualismus
und andere binäre Codierungen, Bilder des „guten“ Patienten etc.).
Ebenso
zahlreich wie die Erscheinungsformen und Auftrittsorte der
Kommunikationsprobleme der modernen Medizin sind die Theorien ihrer
Verursachung, obwohl sich hier noch am wahrscheinlichsten eine „produktive
Synthese“ herstellen lässt. Es stehen diesbezüglich Theorien berufsständischer
Sozialisation neben Theorien der falschen ökonomischen Anreize,
tiefenpsychologisch-kulturgeschichtliche Theorien des Dualismus eines maskulinen
Heilens (im Sinne technischer Herstellung) und eines femininen Pflegens und
Betreuens (transformierter Mütterlichkeit) neben Theorien überholter
betrieblicher Organisationsmilieus, polit-ökonomische Theorien zur Dominanz
des medizinisch-technischen Komplexes und der Professionalisierungsdefizite
nicht-medizinischer Gesundheitsberufe neben philosophisch-anthropologischen
Theorien der verloren gegangenen Mitte des Heilens und Helfens im Umgang mit dem
Lebenszyklus des Menschen zwischen Geburt und Tod, pragmatische Thesen über
fehlende Supervision und Weiterbildung neben Thesen über fehlgeleitete
Patientenerwartungen usw.
Entsprechend
der Leitfragen soll der gemeinschaftliche Diskurs mehr Struktur in diese unübersichtliche
Landschaft bringen. Es soll versucht werden, wichtige Aspekte von weniger
wichtigen zu scheiden, Gewichtungen im Gefüge der Faktoren vornehmen und somit
begründete Pfade aus dem Alltag der derzeitigen Geschehensordnung definieren
helfen.