"Ethos,
Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke"
30. April bis 02. Mai
2004 · Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Vortrag
Gesundheitsdenken als
ethischer Wille zur Macht.
Medizin
und Heilkunde im Zeitalter ihrer grenzenlosen Beschränkungen ©
Prof.
Dr. phil. Dr. rer. pol. habil. Hans-Martin Schönherr-Mann ·
Politische Ethik ·
Geschwister-Scholl-Institut
für politische Wissenschaft der Ludwig-Maximilian Universität München ·
Oettingenstraße 67 ·
D-80538 München
-
Tritt
das Gesundheitsdenken an die Stelle der Ethik?
-
Wird
die Gesellschaft heute durch die Medizin differenziert?
-
Tritt
die Medizin die Nachfolge der Religion an bzw. bestimmt sie das moderne
Weltbild?
Spätestens
im 19. Jahrhundert beginnt ein Niedergang der Ethik, breitet sich der Hedonismus
aus, die Orientierung des Menschen an sich selbst. Nietzsches Wort "Gott
ist tot" heißt nichts anderes mehr, als dass es keine allgemein
anerkannten absoluten Werte mehr gibt. Krankheit oder Gesundheit treten auf
vielfältige Weise an die Stelle absoluter Werte, übernehmen damit nicht nur
deren Orientierungs-, sondern auch deren Machtfunktion.
Die
Naturheilkunde und die alternative Medizin stellen derart eine erste Kehre in
die prämoderne Ethik des Absoluten dar. Jenseits des Geschichtsdenkens repräsentieren
sie die Unzeitlichkeit eines gleich bleibenden Wesens des Menschen, einer überzeitlichen
Struktur der Natur als Gottes Schöpfung. Deren Tragik bleibt, dass sie mit
modernen Maßstäben der Differenzierung gemessen werden. Die Überzeitlichkeit
betrachtet nach zeitlichen und historischen Maßstäben verlangt von ihnen eine
uneinlösbare, weil nur in der Zeit erfüllbare Effizienz bzw. Performativität.
Insofern
gelingt es der Naturheilkunde auch nicht den Differenzierungstendenzen der
Moderne zu widerstehen. Schließlich beruht sie selbst auf einem differenzierten
Modell vom Wesen des Menschen, im Grunde dem platonschen. Die moderne
technologisierte Medizin setzt dagegen ihren Siegeszug ungebrochen fort. Ihr
Wesen entbirgt sich unter Krisenbedingungen nicht als Realisierung eines
Sozialstaates, der die Bedingung für die Entwicklung des Einzelnen schafft,
sondern als ein Sozialstaat, der in seiner Restringierung eine neue
Differenzierung und Disziplinierung der Gesellschaft leistet, die von vielen
Seiten gefordert wird.
Letztlich
als umfassende Biopolitik drückt sich in ihm, genauer im Gesundheitsdenken der
Wille zur Macht der Schwachen (Nietzsches Umwertung aller Werte) als Schöpfung
neuer Werte aus, die sich durchaus auf Platons Grundfrage der Ethik nach dem
guten Leben berufen dürfen und insofern seltsam zeitlich überzeitlich anmuten.
Das soziale Band erhält einen neuen Klebestreifen, der sich uralt und daher
letztlich auch als eingetrocknet erweist, als Strick womöglich noch taugt.
Natürlich
kann sich ein medizintechnologisch erneuertes soziales Band nicht auf solche überzeitlichen,
absoluten Parallelen verlassen. Längst tritt an die Stelle der Züchtung eine
neue Interpretation der Welt, die sich primär aus dem medizinischen Fortschritt
speist. Zukunftsgestaltung unter medizinisch heilkundlicher Ägide wirft ein
neues Licht auf die Welt, das mit der Todesdrohung Untertänigkeit von den
Menschen verlangt. Diese erreicht sie aber nur unter der Verheißung der
Abschaffung des Todes, auf dessen Weg sich die Medizin seit der Gebrüder Grimms
Märchen vom Gevatter Tod auch fleißig begeben hat. Die Verheißung – Ersatz
der Offenbarung – beschleunigt die Macht eines absoluten Willens.
Denn
die Schwäche ihrer absoluten Todesdrohung erkennt sie sehr wohl in einer Welt,
in der seit Thomas Hobbes die Selbsterhaltung des Individuums zum hedonistischen
höchsten Wert aufgestiegen ist, und was vor allen Dingen noch unter liberalen
Bedingungen der Mündigkeit des Einzelnen zu beurteilen dem Individuum obliegt.
Doch mit der Todesdrohung einerseits und der Überlebensverheißung
andererseits, ob konventionell oder alternativ, könnten Medizin und Heilkunde
jene Weltbild stiftende also hermeneutische Rolle übernehmen, die in Antike und
Mittelalter die Religion und seit der Neuzeit die Politik innehatten. Vielleicht
kann man ihr doch noch das eine oder andere Leben, Überleben unter Bedingung
des Selbstdenkens abringen. Ist heute das Gesundheitsdenken der größte Feind
der Philosophie?