"Ethos,
Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke"
30. April bis 02. Mai
2004 · Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Vortrag
Nichtwissen
und professionelle Autorität –
Professionssoziologische Beobachtungen am Beispiel biomedizinischer Diagnostik
und Beratung
©
Dr.
phil. Stefan
May
·
Theorie
reflexiver Modernisierung ·
Institut
für Soziologie ·
Sonderforschungsbereich
536 der Ludwigs-Maximilians-Universität München ·
Theresienstraße
37–39
·
D-80799
München
-
Auf
welche Weise wird die professionelle Autorität des Arztes durch aktuelle
Entwicklungen der Humangenetik in Frage gestellt, stabilisiert oder
transformiert, die von kognitiver und normativer Unsicherheit geprägt sind?
-
Inwiefern
können die spezifischen Handlungsorientierungen als funktional für die
Legitimation der professionellen Autorität verstanden werden?
-
Kann
die Praxis biomedizinischer Diagnostik – hier am Beispiel pränataler und
genetischer Beratung – dahingehend gelesen werden, dass professionelle
Autorität nicht nur auf einem privilegierten Wissen gründet, sondern auf
dem Vermögen der Experten, mit Unsicherheit und Nichtwissen konstruktiv
umzugehen?
Pränatale
Diagnostik und genetische Beratung haben sich einerseits erfolgreich
institutionalisiert und professionalisiert. Auf der anderen Seite sind sie
Gegenstand dauerhafter ethischer Kontroversen geblieben. Dieses Spannungsverhältnis
legt die Frage nahe, auf welche Weise die professionelle Autorität in einem
Bereich in Frage gestellt, stabilisiert oder transformiert wird, der von
kognitiver und normativer Unsicherheit geprägt ist.
Konkret
richtet sich der Blick dabei auf die Beratungspraxis, die
Handlungsorientierungen und Unterscheidungen der Experten im Fall bestimmter
Gestaltungszwänge. Das heißt im konkreten Fall: Nach welchen Kriterien wird
etwa in juristischen Grauzonen bei Spätabtreibungen oder Sex-Selektion
entschieden? Auf welche Weise werden professionsinterne Handlungsmuster
standardisiert und generalisiert? Welche Rolle spielen dabei bioethische
Diskurse in diesem Prozess?
Mit
Blick auf das angesprochene Spannungsverhältnis lässt sich weiter fragen,
inwiefern die spezifischen Handlungsorientierungen als funktional für die
Legitimation der professionellen Autorität verstanden werden können, also
welche professionellen Routinen, Deutungen und Praktiken pränatale Diagnostik
und genetische Beratung als einen wichtigen medizinischen Anwendungsbereich
plausibel machen. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage berührt,
vermittels welcher Unterscheidungen Behinderung als ein genuin medizinisches Phänomen
konzeptualisiert wird.
Die
Praxis pränataler Diagnostik und genetischer Beratung, so die These, kann
dahingehend gelesen werden, dass professionelle Autorität nicht nur auf einem
privilegierten Wissen gründet, sondern auf dem Vermögen der Experten, mit
Unsicherheit und Nichtwissen – also Phänomenen, die heute nicht mehr ohne
weiteres einem medizinischen Deutungs- und Relevanzrahmen subsumierbar sind und
darum die traditionellen Entscheidungs- und (Be-)Handlungsroutinen diskursiv
aufbrechen – konstruktiv umzugehen.
Die
"Harmonisierung"
der professionellen Praxis mit kulturellen Leitwerten und Normalitätsvorstellungen
spielt in diesem Zusammenhang eine tragende Rolle. Ist dabei die neue
Diskursivität der Humangenetik (non-direktive Beratung, Patientenautonomie
usw.) als Ausdruck einer reflexiv gewordenen Praxis zu lesen oder lässt sie
sich in die "herkömmlichen“
Muster konventioneller Professionalisierungsstrategien übersetzen?
Die
Argumentation wird anhand von empirischem Material aus einer kürzlich
abgeschlossenen Studie entwickelt. Methodisch basieren die Überlegungen auf der
Durchführung von über 30 teilstrukturierten Experteninterviews, die der Autor
an verschiedenen Universitätskliniken und Beratungseinrichtungen sowie
molekularbiologischen Laboreinrichtungen in den zurückliegenden drei Jahren
durchgeführt hat.