IV.
KÜHLUNGSBORNER
GESPRÄCHE
"Das Ethos
in der Heilkunde – Medizinische Gegenwart und Zukunft"
09. bis
11. Mai 2003
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Ethische
Aspekte der Gestaltung gesunder Umwelten
©
Dr.
Ing. Günter Klein
·
Director WHO European Centre for Environment and Health ·
Görresstraße 15
·
D-53113 Bonn
-
Wie
kann Gesundheit anspruchsvoll und menschlich gestaltet werden?
-
Inwieweit
ist die Verantwortung für die (Um-)Welt ein Gebot der Mitmenschlichkeit?
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Wie
lässt sich die ethisch-moralische Weltkrise menschlich lösen?
Ad
eins
Gesundheit
ist nicht das Ergebnis, sondern entscheidender Motor wirtschaftlicher und
sozialer Entwicklung. Gesundheit wird geschaffen, wenn Menschen ihr Umfeld als
sinnerfüllt, handhabbar und verständlich erleben können, und wenn sie
physisch, emotional, sozial und finanziell in der Lage sind, den an sie
gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Investitionen, die in diesem Sinne
Voraussetzungen zur Gesundheitsförderung schaffen, zeitigen nicht nur
wirtschaftliche, sondern auch menschliche und soziale Zugewinne.
Obwohl
weitgehend Klarheit darüber herrscht, dass es diese Verbindungen zwischen
sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Entwicklung gibt, ist es
schwierig, diese Erkenntnisse in Entscheidungsprozessen zu nutzen. Auffällig
ist, dass z. B. im Umweltschutz die Sorge um oder das Vorliegen von
gesundheitlichen Konsequenzen zum treibenden Element der nationalen und
internationalen umweltpolitischen Verpflichtungen wird – aber selten der
Gesundheitssektor daran teilhat. Ein ethisch anspruchsvolles Konzept zum
nachhaltigen Schutz der Umwelt ist nicht automatisch anthropozentrisch, darf
aber menschliche Ansprüche in den Wertekanon aufnehmen.
Ad
zwei
Investitionen
für Gesundheit und Umwelt müssen harmonisch und nachhaltig sein: Ein
Investitionskonzept mit dem Wohlbefinden des Menschen im Zentrum verlässt den künstlich
verengten Rahmen, in dem ökonomische Leistung nach dem Zuwachs des
Bruttosozialprodukts bewertet wird. Das Auseinanderweichen der Indikation des
Wirtschaftswachstums (BSP) und neueren Indizes für sozio-ökonomische
Entwicklung (z. B. „Index for socio – economic welfare“, ISEW) ist in
den letzten 10 bis 20 Jahren gründlich dargelegt worden. Umfassendes Verständnis
wirtschaftlicher Betrachtungen schließt eine angemessene Wert-Schätzung des
Wohlbefindens im weitesten Sinne der WHO-Definition von Gesundheit in einer schönen
(lebens-werten) Umwelt ein.
Die
essenziellen Elemente der Gesundheit für ALLE: Auf
geringem Niveau des GNP lässt sich eine hohe Lebenserwartung realisieren. Schlüsselelemente
guten und sicheren Gesundheitsstatus sind Bildung,
einwandfreie Wasserversorgung, ausgewogene Ernährung und Frieden. So
wie die Gesundheit Voraussetzung für eine sozial und wirtschaftlich annehmbare
Existenz jedes Einzelnen und seiner Familie ist, so sind auch die Gemeinwesen
als soziale und wirtschaftliche Einheiten von der Gesundheit ihrer Mitglieder
abhängig. Konsequenz daraus ist die ausgewogene Investition (an Ressourcen
aller Art) in allen vier genannten Feldern der Daseinsvorsorge.
Ad
drei
Eine
Krise, die weithin als Wirtschaftskrise
begriffen wird, fordert Ökonomen heraus, mit den klassischen Instrumenten der
Ökonomie nach Lösungsansätzen zu suchen. Was können diese Instrumente aber
leisten, wenn die Staatengemeinschaft der Welt in eine moralische,
humane,
soziale
und ökologische Krise läuft, die
sicher nicht von Mangel an Wettbewerb oder Wachstum bestimmt ist?
Wie
Demokratie „politische, soziale und wirtschaftliche Demokratie“ sein muss,
ist Ökonomie auch nur als politische, soziale und wirtschaftliche Ökonomie
zukunftsfähig. Nach vier Jahrzehnten dynamisch entwickelter Umweltpolitik kann
ein demokratisches, humanes Weltmodell ohne anspruchsvolle
Umweltgestaltungsstrategien nicht gedacht werden. Ehrfurcht vor der Schöpfung
als Ganzes leitet uns zu besseren Resultaten als der Versuch, alle Details
unserer Mitwelt naturwissenschaftlich zu katalogisieren.
Alle
Macht der öffentlichen Gesundheit: Sozialpolitische
Innovationen sind hier und da erfolgreich angewandt
worden und weltweit erforderlich, um (lokale und internationale)
Diskrepanzen zwischen Macht und Ohnmacht, Arm und Reich abzubauen. Lösungswege
sind mit der Überwindung der historisch tief eingefahrenen Mechanismen im
Westen Europas erprobt worden – einige nachahmenswert, andere revisionsbedürftig.
Die Verbesserung der Gesundheit aller Individuen, und zusammengefasst in der öffentlichen
Gesundheit wird weiterhin der richtige Indikator für das zukunftsfähige
Verhalten der Individuen und der Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft
bleiben.