Illhardt II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Alt „werden“ oder alt „gemacht werden“ ©

Ageismus: Vorurteile gegen das Alter

PD Dr. theol. Franz Joseph Illhardt · Geschäftsführer der Ethik-Kommission Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin · Elsässer Straße 2m / Haus 1a · D-79110 Freiburg

  1. Wie lässt sich das Alter als eine sehr empfindsame und für das Scheitern bzw. Gelingen des Lebens offene Phase gestalten?

  2. Worin äußern sich Vorurteile gegenüber dem Alter und den alten Menschen und warum sind sie verwerflich?

  3. Woher stammen Vorurteile und wie kann man mit Ihnen umgehen?

Das Alter ist eine schwer bestimmbare Größe, die biografische (z. B. sich alt fühlen) und kalendarische (z. B. Alter in Jahren) Momente aufweist. Dass man so alt ist, wie man sich fühlt, ist sicher oft wichtiger als die Anzahl von Lebensjahren. Aber es gibt auch Situationen, etwa die Berentung, in denen das kalendarische Alter bedeutsamer ist, gleich wie alt oder jung man sich fühlt. Das biologische Alter steht mit beidem in Zusammenhang, es enthält jedoch Momente, die darüber hinausgehen, wenn der biologische Zustand, etwa Zellalterung oder alterstypische Krankheiten wie Hirninsulte oder Demenzen von der Anzahl der Jahre verschieden ist. Schon seit langem gibt es darum Ansätze in der Medizin, etwa die Makrobiotik des 19. Jahrhunderts, aber auch gerontopsychiatrische Lehren der Gegenwart, die das Altwerden nicht nur als unbeeinflussbar ablaufenden Prozess ansehen, sondern es gestalten, den Ablauf verlängern, mehr Zufriedenheit, mehr psychische und physische Gesundheit usw. erreichen wollen.

Sowohl bei denen, die als professionelle Helfer in diesem Prozess fungieren, als auch bei denen, die als Verwandte oder andere Bezugspersonen diesen Prozess begleiten und Weichen stellen, haben oft mit einer Vorurteilsstruktur zu tun, die in der geriatrisch-gerontologischen Literatur als „Ageism“ (hier mit „Ageismus“ übersetzt) bezeichnet wird [1]. Ob man Alter z. B. als Verfallsprozess, Abnutzung oder Kompetenzzuwachs betrachtet, hängt von der eigenen Urteilsstruktur ab, die von vielen Momenten,  auch und sogar wesentlich von Vorurteilen, allgemeinen Einschätzungen usw. bestimmt wird.

Vorurteile prägen den Zugang zu Ressourcen des Gesundheitswesens, die eigene Einschätzung des eigenen Alterungsprozesses und die Toleranz der Umwelt gegenüber dem Verhalten alter Menschen.

Wenn man das feststellt, kommt man nicht mehr umhin, auch festzustellen, dass der Mensch nicht nur älter wird, sondern auch älter gemacht wird. Ein viertes Moment der Altersbestimmung, nennen wir es die soziale Zuschreibung des Alters, kommt zu den eingangs genannten Momenten des kalendarischen, biografischen und biologischen Alters hinzu. Sie unterscheidet sich jedoch von den anderen Momenten dadurch, dass sie nicht eigentlich eine Prozessvariable ist, sondern eher aus externen Systemen herrührt. Vorurteile gegen das Alter kommen nicht aus dem Prozess des Alterns selber, sondern aus den Einschätzungen der Umwelt, die, ob sie es zugeben will oder nicht, der Maxime der Humanität verpflichtet bleibt.

Sowohl die Altersmedizin als auch alle gerontologischen Helfer müssen diese Ageismus-Struktur bei sich selber analysieren, um sie verändern zu können. Diese Analyse bezieht sich auf:

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die Einschätzung des Alters,

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die Zugangserleichterung zu Ressourcen des Gesundheitswesens,

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das handlungsleitende Menschenbild,

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die Rollenzuweisung für ältere Menschen,

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die „moralische Phantasie“ [2] zur Feststellung und Bereitstellung angemessener Hilfen,

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die Beteiligung älterer Menschen an Entscheidungen der Gesundheit und des Gesundheitswesens und

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den Respekt vor deren Autonomie.

Ein vorrangiges Problem ist und bleibt zu überlegen, wie man mit Vorurteilen dieser Art umgeht. Folgende Regeln sollen hier diskutiert werden:

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Weniger den alten Menschen von außen durch die Brille bzw. Einstellung von Behandlern und Betreuern, sondern mehr ihn selber seine eigene Wirklichkeit einschätzen lassen!

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Stärkung aller Maßnahmen, in denen ein Stellvertreter, den der alte Mensch selber bestimmt hat, eine Rolle spielt und nicht nur Stärkung der altruistischen Maßnahmen!

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Arbeitsgemeinschaften zu möglichst vielen Lebensbereichen älterer Menschen gründen, in denen ältere und jüngere Menschen zusammen beraten und entscheiden!

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Die zurzeit vielfach geforderte Qualitätskontrolle der gerontologischen Arbeit muss den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, Wahrnehmungsbeschränkungen zu erkennen und zu bearbeiten!

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Ächtung aller Klischees über den alten Menschen im eigenen und öffentlichen Sprachgebrauch!

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Förderung aller Maßnahmen, die der Öffentlichkeit mehr Informationen über das Leben ihrer alten Menschen zur Verfügung stellen!

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In allen Bereichen der Altenarbeit muss multidisziplinäre und multidimensionale Zusammenarbeit Standard für eine kontrollierte Wahrnehmung werden.

Referenzen:

  1. Butler R. Ageism: Another Form of Bigotry. The Gerontologist 1969; 9: 243-6.

  2. Soelle D. Leiden. Freiburg/Basel/Wien: Herder, 1993.

 

 

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