Grußwort zu den
VI. Heiligendammer-Gesprächen
von Frau Professor Dr. Dr. h. c. mult. Rita Süssmuth
"Identität der Medizin und ihre Zukunft
zwischen Plan und Markt"
06.–08. Mai
2005
Seebad Heiligendamm
Ich freue mich,
dass durch die "Heiligendammer-Gespräche" in direkter Weiterführung der erfolgreich
durchgeführten Kühlungsborner Symposien und Gespräche 2000–2004 "Medizinische Ethik
im 21. Jahrhundert – Zur Anthropotechnik der Menschlichkeit" weiterhin in
mehrfacher Weise Zeichen gesetzt werden sollen und nach dem bislang Bewegten zu urteilen
auch können. Mit dem Thema der diesjährigen, nunmehr sechsten Veranstaltung in
Folge: "Identität der Medizin und ihr Zukunft
zwischen Plan und Markt" sind die "Mai-Gespräche" im Zentrum
zukünftigen medizinischen Denkens und Handelns angesiedelt.
In
den diesjährigen "Gesprächen" gilt es im Sinne vielfältig
anstehender Innovationen und tragfähiger Zukunftsgestaltungen in der Medizin
herauszuformen, welche Begriffe und Denkformen wir brauchen, um zu
verstehen, was aktuell mit "der Medizin" und "dem
Gesundheitswesen" in seinem Wandel geschieht. Hier geht es um die mehr als
notwendigen Vertrauensbildungen in einem neuen Ausbalancieren zwischen einem
solidarisch finanzierten Gesundheitswesen und einer marktorientierten
Gesndheitsversorgung. Insbesondere die Ethik in der Medizin und Heilkunde
muss hierbei die Rahmenbedingungen identifizieren und diese auch kennen, damit
durch sie die Identifikationsleistungen und konkreten Inhalte der Medizin auch
wirklich im Guten beeinflusst werden können. Was aber sind genau die maßgebenden
Rahmenbedingungen, die es heute wie zukünftig als die Entscheidungen
mittragende Konstituenten zu berücksichtigen gilt?
Eine
Orientierung auf Gesundheit im Gegensatz zur Behandlung und Verwaltung von
Krankheit hätte hier zweifelsohne viele gute Argumente für sich und würde uns
von manch einer Diskussion bezüglich der Rahmenbedingungen, so auch
Grenzziehungen in der Medizin entlasten. Die Orientierung an der Gesundheit
nimmt jedoch innerhalb der Medizin zuweilen einen recht eigendynamischen
Verlauf. Und möglicherweise gar spaltet sich die traditionelle Medizin
auf und bekommt hierüber einen weitaus potenteren und lukrativeren Partner an
ihre Seite gestellt, gemeint sind die Gesundheitswissenschaften.
Umso wichtiger ist es für das Profil der Medizin und Heilkunde über das
Eigentliche und Wesentliche ihres Berufsfeldes nachzudenken: Gemeint ist das
Ethos, ihr Weltbild oder auch Ihre eigene Identität.
Eine der
grundsätzlichen Voraussetzungen, um zu einem medizinischen Ethos gelangen zu können,
wäre überhaupt erst einmal wieder ernsthaft und nachhaltig über das eigene
Berufsbild ins Gespräch zu kommen um dann in diesem Zusammenhang über das
Richtige in einer in vielen ihrer Inhaltsbereiche umbrechenden Medizin
nachzudenken. In der gegenwärtigen Entwicklung unserer Gesundheitsversorgung
und der in sie hineinreichenden Innovationen sind nicht zuletzt durch teils
globale Gesundheitsmärkte viele der höchst eigentümlichen Werte der sog.
"alten" Medizin bedroht. Hier bleibt die Frage offen, ob in einer sich
wandelnden Medizin und Heilkunde die Suche nach "der Medizin" nicht
vielleicht gar in die Irre führt und uns etwas vorspiegelt, was in der
gesuchten Form vielleicht noch nie zuvor als geschlossene "Identität und
Integrität" existiert hat, oder aber unwiderruflich aus der Medizin
verschwunden ist: eine Medizin ohne eigenen Kern und ohne eine für
sie spezifische Identität. Wenn dem auch nur ansatzweise so ist, hätte
dies alles vielfältige Auswirkungen, so auf die medizinischen Berufe, die
Kranken, die Gesunden und auf unser Verständnis sowie unsere Erwartungen, welche
wir an die Medizin herantragen.
Sofern in das derzeitig vorherrschende Denkvakuum um medizinisch heilkundliche Werte
zweifellos wichtige Fragen der Wirtschaftlichkeit und Profitabilität
des eingesetzten Kapitals treten und darüber eine offene Szene neuer
Wertigkeiten begründen, birgt dies in der Medizin die Gefahr, dass das Wohl der
Patienten und deren fürsorgliche Betreuung gegenüber dem wirtschaftlichen
Erfolg medizinischer Einrichtungen und Berechnungen zurücktreten muss.
Vermittels rechtzeitiger sowie tiefgründiger Reflexionen und der Entwicklung
eines professionellen Selbstverständnisses in der Heilkunde, welche beides
grundlegende Voraussetzungen dafür sind, um überhaupt ein tragfähiges
berufliches Ethos konzipieren zu können, könnte dieser Prozess durchaus unter
Einbezug von ethischen und ökonomischen Werten mitmenschlich und einander
Gewinn bringend gestaltet werden.
In einer Zeit,
wo ohnehin im besonderen Maße auch medizinische und pflegerische Leistungen zunehmend ökonomisch und
wirtschaftlich gesteuert werden, ist es in grundlegender Weise wichtig, die eigenen
Positionen der Heilkunde selbst und explizit zu formulieren. Sofern das nicht geschieht,
droht vielfältig Gefahr und letztendlich die Gewissheit, dass die Medizin die
Grenze zu ihrem eigentlichen Tun verliert. Was ist ihr eigentlicher
Inhaltsbereich? Gibt es überhaupt eine klar umgrenzte Identität und darf heute
überhaupt noch danach gefragt werden? Bzw. ist ein derartiges Fragen obsolet? Es drohen
bei einer in ihren tradierten Inhaltsbereichen umbrechenden Medizin vielfältige
Identitätsprobleme
aufzutreten und in Bezug auf die alltägliche Praxis drohen darüber
mannigfaltige Kommunikationsstörungen, zahlreiche Konflikte und nicht zuletzt
auch gravierende Störungen in der sozialen Gesundheitsplanung. Wir müssen uns
auf jeden Fall darauf einlassen mitzuentscheiden, welche Medizin wir für uns wollen und ebenso
müssen wir in diesem Zusammenhang entscheiden, welchem Menschenbild wir
uns fortan verpflichtet fühlen. Bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt gilt es herauszufinden, ob unser Menschenbild mit dem, was wir wissen und fühlen, überhaupt noch
kongruent ist. Nur wenn wir uns ein realistisches und vielschichtiges Bild von uns selbst machen, können
wir daran unsere Handlungsnormen orientieren. Es bleibt jedoch fraglich, in
welcher Weise heute noch von einem allseits gültigen normativen
Selbstbild in einer Gesellschaft gesprochen werden kann, wo es zu deren
genuinem Selbstverständnis gerade gehört, ganz unterschiedlichen Vorstellungen
vom menschlichen Selbstsein folgen zu können.
Gerade auch in diesem
umschriebenen Sinne ist das Vorhaben der "Heiligendammer-Gespräche"
etwas ganz Besonderes, wo die "Medizinische Ethik des 21. Jahrhunderts" als eine
ständige und zudem fest mit dem System zu verankernde Steuerungsaufgabe
begriffen wird: als ein lohnenswerter Prozess. Im Sinne gegebener Möglichkeiten sollen aus den
"Gesprächen"
in Fairness, hoher und vielschichtiger Kompatibilität sowie in letztendlich realisierbaren Normen das gemeinsame Wirken und Wissen schrittweise
in die zu treffenden Entscheidungen sowie die alltägliche Praxis hineingetragen
und dort umgesetzt werden. Da die zurzeit vielerorts recht unterschiedlich bemühte Ethik jedoch dafür
keineswegs die (ur-)eigentliche Disziplin sein kann, die uns bei dieser
wichtigen Aufgabe als Vorgabe hilft –
und zudem ohnehin fraglich ist, ob Ethik überhaupt eine eigenständige
Disziplin sein kann oder soll –, wird in dem
Heiligendammer Diskursforum bewusst nicht angestrebt, für die gegenwärtige und zukünftige
Gewährleistung einer "guten" Medizin vermittels der Ethik irgendwelche
objektive Ordnungen zu erstellen. Vielmehr geht es in den "Heiligendammer-Gesprächen"
um Einsichtigkeiten und um etwaige Transparenzregeln. So gesehen könnte Ethik an dieser Stelle eine
herausragende Möglichkeit dafür sein, neuartige Probleme rechtzeitig zu erkennen und zu entscheiden helfen,
was es in
der Medizin und Heilkunde zukünftig als Identität zu bewahren gilt, und was zu erneuern.
Folglich
geht es mit den "Heiligendammer-Gesprächen" auch darum, sich offen und
bedingungslos auf den gesellschaftlichen und ethisch kulturellen Diskurs
einzulassen, und d. h. hier ebenso in sehr grundlegender Weise über Beruf und Berufung sowie
Aufgabe und Beauftragung in der Medizin und Heilkunde zu sprechen.
Bei allem geht es stets um das "Gute" in einer guten Medizin und Heilkunde;
es geht um eine in hohem Maße moderne und zukunftsgewandte Medizin und in eben
diesem Sinne geht es um die gleichzeitige Herausarbeitung und Bewahrung ihres höchst
eigentümlichen Ethos’.
Wenn nun zum
sechsten Mal in Folge im ältesten und ersten Seebad Deutschlands Denker unterschiedlicher Fach- und
Themenbereiche sowie
Mediziner, Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen sowie Politiker,
Wirtschaftsvertreter und Vertreter der Medien und Kultur zusammenkommen, um für die vielfältig
anstehenden Konflikte einer modernen Medizin unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten
für die Gegenwart und Zukunft zu thematisieren, wird es in den anstehenden Vorträgen,
Podiumsgesprächen, Round Table-Gesprächen, Diskursen und Workshops bzw. den
dort geführten Diskussionen um eben diese angedeuteten Fragenzusammenhänge gehen
müssen.
Dass sich die
"Gruppe Ethik-21" bereits mit den ersten in den Jahren 2000 bis 2002 durchgeführten Kühlungsborner
Symposien "Medizinische Ethik im 21. Jahrhundert. Zur Anthropotechnik der
Menschlichkeit" genau diesem diskursiven Ziel verschrieben hat, ist ein
mutiger und im Sinne einer fortschrittlichen und zugleich zutiefst
mit-menschlich bleibenden Medizin wichtiger Schritt. In den "Heiligendammer-Gesprächen"
soll unter der Ägide der neuen EVE-Stiftung dieser Weg anspruchsgemäß noch konsequenter fortgesetzt werden, indem in den
"Gesprächen" eine
multidisziplinäre Vielfalt durch das Zusammenkommen der geladenen Vertreter aus
Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur gewährleistet ist und
einladungsgemäß bei allen Teilnehmern die grundsätzliche Bereitschaft gegeben
sein soll, dafür zuweilen auch die Grenzen der eigenen Disziplinen, der jeweiligen
Parteien und Interessen mit Nachhaltigkeit sowie kreativer Neugier zu überschreiten. Gerade durch
die interdisziplinären Erfahrungen ist in den "Gesprächen" die immer auch
notwendige Konfrontation mit den Perspektiven anderer als eine absolute
Bereicherung zu begreifen. Sie ist gleichfalls eine Chance zum weiteren
Lernen.
Sollte
auf diesem Weg in teils unbekannte Gebiete die Ethik jedoch langsam stumpf gegen
die ökonomiebestimmten Wertegebungen werden, hätten wir am Ende des Pfades
nicht nur eine menschenunwürdige Heilkunde, sondern eine gar menschenunwürdige
Welt. Aber gerade in und mit der Medizin und Heilkunde geht es in besonderem
Maße um einen sozialen Kontrakt mit einem zwingend menschlich bleibenden
Antlitz. Denn erst dort, wo in ihr in der Tat nichts Altes, nichts Außerökonomisches
mehr auffindbar wäre, käme eine geradezu hemmungslos gewordene Ökonomie zu ihrer vollen Blüte. Einen womöglich
derartigen Ökonomisierungsprozess unter Bezugnahme auf das eigentümliche Ethos
der Medizin und Heilkunde in geradezu fürsorglicher Weise zu unterbinden, andererseits aber in Bezug auf die
eigentümlichen identitätsbildenden Bereiche der Medizin diesen fest mit
ethischen Werten zu verbinden, ist auf jeden Fall ein lohnenswerter Versuch. Ein kleiner
Schritt in diese Richtung ist bereits mit den "Kühlungborner-Gesprächen"
1–5 erfolgreich
gegangen worden. Mögen diesem noch viele weitergehende Schritte folgen.
Ich
wünsche den "Heiligendammer-Gesprächen", der aus der "Gruppe
Ethik-21" heraus entstandenen EVE-Stiftung und allen daran Beteiligten an
einem wunderschönen und gedankenoffenen Ort eine wiederum beredte Tagungszeit, gefüllt
mit Ideenreichtum und vielfältigen Anregungen sowie für die Zukunft einer
ebenso fortschrittlichen wie auch menschenwürdigen Medizin und Heilkunde eine möglichst breite
Resonanz.
