Glöckler II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Zur Praxis der Gesundheitsethik - Gibt es eine Salutogenese des Alterns? ©

Dr. med. Michaela Glöckler · Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum · CH-4143 Dornach

  1. Was heisst „gesund Altern“?

  2. Welche positive Einflussnahme auf den Alterungsprozess haben Erziehung und Selbsterziehung?

  3. Gibt es ethisch bestimmbare Möglichkeiten, ein gesundes Altwerden schon von Kindheit an zu fördern?

1.    Ad eins

Roland Prinzinger beschreibt in seinem Buch Das Geheimnis des Alterns [1] den Alterungsprozess des Menschen auf verschiedenen Organisationsstufen: Der zellulären Ebene (insbesondere Zellmembrandegeneration und Abnahme der Proteinsynthese), der Organalterung (generelle Devitalisierung insbesondere auf Grund verminderter Sauerstoffversorgung bzw. Durchblutung) sowie des Gesamtorganismus in Form generell verminderter Energieumsatzrate in Abhängigkeit vom Lebensalter, das maximal bis 120 Jahre reicht, wobei das schwächste lebenswichtige Organ letztlich den Todeszeitpunkt des biologischen Systems bestimmt. Interessant ist, dass er auch dem Seelenleben einen natürlichen Alterungsprozess zuschreibt. Führen doch die natürlichen Alterungsprozesse bei vielen älter werdenden Menschen zu Depressionen, in deren Folge so starke psychische Belastungen auftreten können, dass häufig nur noch der Suizid als Ausweg gesehen wird.

Gesund alt werden kann folglich nicht heißen, jung und fröhlich zu bleiben, sondern im Sinne von Antonovski’s Salutogeneseforschung, sich bis ins hohe Alter ein ausreichendes Kohärenzgefühl zu erhalten und dem unweigerlichen körperlichen Vitalitätsverlust und den damit einhergehenden seelischen Beeinträchtigungen geistigen Widerstand (so genannte Widerstandsressourcen) entgegenzusetzen [2].

2.    Ad zwei

Altersentsprechende physiologische Betätigung (weder Überforderung noch Unterforderung) fördert Leistungsfähigkeit und Lebensqualität bis ins hohe Alter. Insbesondere ist es nicht nur tägliche Lebenserfahrung, sondern auch vielfach wissenschaftlich nachgewiesene Realität, dass nur geistiges Training den sonst unweigerlichen Funktionsniedergang der Gehirnleistung im Alter bis zu einem gewissen Grade aufhalten kann. Wer geistig rege bleibt, kann sich auch seine geistigen Fähigkeiten weitgehend erhalten [3]. Entsprechend müssen sich durch Erziehung veranlagte Strategien zu lebenslanger Selbsterziehung und Weiterentwicklung positiv auf den Alterungsprozess im körperlichen und seelischen Erleben auswirken. 

3.    Ad drei

Abraham H. Maslov [4], einer der Begründer und Hauptvertreter der humanistischen Psychologie, hat nicht nur die ethischen Voraussetzungen der gesunden Seele beschrieben, sondern auch die Reihe der seit Beginn des Christentums im Westen wirksam gewordenen Menschenbilder: den spirituellen Menschen (bis ins Mittelalter), den intellektuellen Menschen (Renaissance), den ökonomischen Menschen (bis zum Aufstieg des Kapitalismus), den heroischen Menschen (faschistische Länder) und hat für die nähere Zukunft den Begriff vom psychologisch gesunden, eupsychischen Menschen geprägt, der zugleich auch der „natürliche“ Mensch ist. Andere Forscher wie der Gynäkologe Michael Odent sprechen hier auch vom ökologischen Menschen. 

Das System von Erziehung und Selbsterziehung wie es durch den Philosophen Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, in die Erziehungspraxis des 20. Jahrhunderts eingeführt wurde sowie sein Schulungs- und Entwicklungsbuch: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? [5] stellen ein Erziehungskonzept dar, dessen salutogenetischer Ansatz auch die Unterstützung eines gesunden Alterns einschließt:

Die menschliche Biografie vollzieht sich im Spannungsfeld von Inkarnation und Exkarnation.

 

 

 

 

Der entwicklungsphysiologische Aufbau- und Abbauprozess des Körpers vollzieht sich phasenweise [6]. Etwa mit dem 9. Lebensjahr sind die Grundreifungsprozesse am Zentralnervensystem und den Sinnesorganen zum Abschluss gekommen. Entsprechend reifen Atmung und Herzkreislaufsystem bis zum 15./16. Lebensjahr bis zur Erwachsenennorm heran. Intermediärstoffwechsel, hormonelle Regulation und Skelettendgröße brauchen zur vollen Ausreifung am längsten - je nach hereditärer Disposition bis zum 18., 20. bzw. 22. Lebensjahr. Interessant ist nun, dass bei der altersgerechten Involution die im Alter zwischen 40 und 50 Jahren (Menopause) einsetzt, die Organsysteme, die am längsten zu ihrer Entwicklung brauchten, am frühesten Leistungseinbußen zeigen (Verschleißerscheinungen am Skelettsystem, rheumatischer Formenkreis, Diabetes, klimakterische Beschwerden). Es folgt dann zwischen 50 und 60 Jahren die Disposition zu chronischen Herz-Kreislaufbeschwerden (Rhythmusstörungen, Gefäßveränderungen, gegebenenfalls erster Infarkt, Chronifizierung von Lungenerkrankungen). Nervensystem und Sinnesorgane zeigen hingegen ihre typischen Verschleißerscheinungen in Form chronischer Altersbeschwerden in der Regel erst ab dem 60. Lebensjahr. Auch wenn der altersphysiologische Abbau nicht regelmäßig zu schwer wiegenden chronischen Erkrankungen führt, so sind doch stets gewisse Leistungsminderung, Funktionseinschränkungen oder diskrete chronische Erscheinungen vorhanden.

Eine ethisch wertvolle Begleitung dieses Entwicklungsgeschehens kann sich nur an der seelisch-geistigen Entwicklung orientieren. Inkarnation bedeutet Leibergreifung, das heißt Aufbau, Wachstum, Entwicklung durch die seelisch-geistigen Kräfte der Individualität, die sich mit dem Leib verbinden bzw. diesen gestalten. Exkarnation hingegen ist der Vorgang des wieder leibfrei Werdens der individuellen schöpferischen Kräfte für die rein seelische und geistige Tätigkeit des Denkens, Fühlens und bewussten Wollens.

Im Referat werden Grundzüge praktischer Gesundheitsethik dargestellt, die sich an der seelisch-geistigen Entwicklung des individuellen Menschen orientieren.

Referenzen:

  1. Prinzinger R. Das Geheimnis des Alterns. Die programmierte Lebenszeit bei Mensch, Tier und Pflanze. Frankfurt a. M., New York: Campus, 1996.

  2. Bengel J, Strittmatter R, Wilmann H. Hrsg. Was hält Menschen gesund? Antonovski’s Modell der Salutogenese - Diskussionsstand und Stellenwert. Expertise der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Ostheimerstr. 220, D-51109 Köln: 1998: 34 ff.

  3. Prinzinger R. Das Geheimnis des Alterns. Die programmierte Lebenszeit bei Mensch, Tier und Pflanze. Frankfurt a. M., New York: Campus, 1996: 36 ff.

  4. Maslov AH. Motivation und Persönlichkeit. Hamburg: rororo-Sachbuch, 1999.

  5. Steiner R. Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Dornach: Verlag am Goetheanum, 1993.

  6. Wiesener H. Hrsg. Entwicklungsphysiologie des Kindes. Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer, 1964.

 

 

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