MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen"
Beitrag
zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
„We
are on the eve of destruction“
©
Strategien
der Zerstörung im Alter
Dr.
med. Jürgen R. E. Bohl ·
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Abt. Neuropathologie ·
Langenbeckstraße
1 ·
D-55131 Mainz
-
Welches sind die Ziele von
Alterungsprozessen?
-
Mit welchen Strategien werden diese
Ziele verfolgt?
-
Kann Altern ein produktiver Zerstörungsprozess
sein?
Krankheit,
Alter und Tod sind als völlig normale und essenzielle Phänomene unseres
Daseins aufzufassen. Krankheiten können zwar bekämpft werden; sie sind jedoch
aus einem sinn-erfüllten menschlichen Leben nicht wegzudenken. Von
Unsterblichkeit mag man träumen; der Tod stellt jedoch ein konstitutives
Element unserer irdischen Existenz dar und kann vernünftigerweise nicht
eliminiert werden. Und auch Alterungsprozesse müssen als natürliche, in einem
umfassenderen Sinne nicht krankhafte Erscheinungen gewertet werden. Man mag sie
kaschieren, mit Absicht übersehen und negieren, im günstigsten Fall ein wenig
verzögern; aufhalten oder gar abschaffen kann man sie nicht - auch wenn findige
Industriezweige uns in gewissenloser Weise versprechen, uns beständig zu verjüngen.
Altern ist ebenso naturgegeben wie Zeugen und Geboren-Werden - letztlich ein
Mysterium.
Der
Endsieg über das Altern ist eine Wahnsinnsfantasie. Altern ist ein sozialer
Prozess.
Zellen
altern im Verbund mit anderen Zellen; ihr Tod ist ein Teil eines sinnvollen
Plans des übergeordneten, umfassenderen Systems von Zellen. Auch Organe altern
in einem ganzen Körper, in einem Organverbund. Ihr Alterungsprozess ist genau
dem Wandlungs- und Reifungsplan des individuellen Daseins angepasst. Und in
gleicher Weise altert ein Mensch innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft: als
Mitglied einer Familie, als wichtiger Partner in einer Sippe oder größeren
Lebensgemeinschaft und als Träger einer ganz bestimmten Kultur.
Altern
ist eine Gemeinschaftsangelegenheit und in erster Linie ein kulturelles Phänomen.
Die Biologie des Alterns ist für menschliche Gemeinschaften eigentlich
zweitrangig. Ziel und Zweck der Alterungsprozesse ist die Vernichtung
individuellen Daseins. Die Entwicklung der geschlechtlichen Vermehrung im Laufe
der Evolution hat notwendigerweise das Altern und den Tod des Individuums einführen
müssen. Alternde Zellen sterben schließlich; Organe degenerieren, werden
insuffizient und stellen ihre Tätigkeiten ein. Am Ende eines individuellen
Daseins steht die Zerstörung dieser ephemeren Existenzform - und anders kann es
gar nicht sein. „We
are on the eve of destruction.“
Auch
Kulturen altern und werden Opfer eines schleichenden zerstörerischen Prozesses,
welcher den Mitgliedern der Kulturgemeinschaft vielfach nicht wahrnehmbar ist.
Auch Kulturen gehen zu Grunde - auch wenn dieses für die gegenwärtige
postindustrielle Kultur als ganz und gar unmöglich erscheinen mag: „We
are on the eve of destruction.“
Der
Tod einer Kultur wird erst von einem jenseitigen Zustand aus wahrnehmbar, wenn
er ein bereits vergangenes Ereignis ist. Die Strategien der Zerstörung sind
vielfältig und wandelbar. Letztlich ist jede Art von Destruktion als
Selbstzerstörung aufzufassen: In einem jeweils übergeordneten Zusammenhang
erscheint auch die Vernichtung des Anderen als ein selbstzerstörerischer Akt.
Auf
der zellulären Ebene nennen wir den Prozess der Selbstzerstörung Apoptose.
Wann auch immer die Aufgabe individueller Existenz in einem übergeordneten
Zusammenhang sinnvoll und notwendig erscheint, wird der Suizid der Zellen -
freiwillig und gern, möchte man annehmen - eingeleitet. Es ist nicht Erschöpfung,
Phthisis oder Krankheit -auch nicht Alter- es ist das Wissen um den Sinn der
Selbstaufgabe für den Bestand des Organs, des Lebewesens, der Familie, der
Lebensgemeinschaft und so fort. Apoptotische Zellen sind nicht Besiegte,
Unterlegene in einem gnadenlosen Kampf ums nackte Überleben der vereinzelten
Erscheinungsform. Der sog. „programmierte Zelltod“ ist Teil eines
sinnvollen, planvollen Prozesses zur Realisierung einer höheren Ordnung. Und
das wissen die Zellen, zumindest solange sie gesund sind.
Auch
Menschen wissen, solange sie gesund sind, dass ihr Tod notwendig ist und Sinn
stiftet für etwas, das „höher ist als menschliche Vernunft“. Wenn sie es
vergessen, oder gar nicht erst zu diesem Wissen gelangen, fallen sie auch der
Zerstörung anheim, vielleicht etwas früher, vielleicht etwas qualvoller,
vielleicht etwas aufwendiger und damit belastender für die menschliche
Gemeinschaft. Auch dieses hat einen Sinn: Die kulturelle Gemeinschaft
unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass sich die Bedingungen für eine
freie Entfaltung menschlicher Möglichkeiten gewandelt haben - und offenbar
nicht zum Besseren hin; und dass der größeren Gemeinschaft ein ähnliches
Schicksal droht oder schon unmittelbar bevorsteht.
Die
destruktive Potenz von Alterungsprozessen erscheint umso grauenvoller, je
weniger zuvor die Transzendenz des individuellen Daseins, die Überwindung der
illusionären isolierten Existenz realisiert werden konnte. Die Zentrierung des
menschlichen Bewusstseins auf das Ich lässt die Zerstörung des Selbst als eine
Katastrophe erscheinen: eine apokalyptische Vision. Daher muss diese Demontage
langsam, schleichend erfolgen, sonst wäre sie ja gar nicht zu ertragen.
Wird
zuvor Wesentliches der menschlichen Existenz in die Peripherie -in die offene
Weite- verlagert, so kann die Vernichtung dieser Verdichtung von Geist zu Leben
als ein relativ unbedeutendes
Ereignis erfahren werden. „We
are on the eve of resurrection.“