MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen"
Beitrag
zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Eine
Ethik technischen Handelns als gesellschaftliche Herausforderung
©
Dipl.-Phys.
Dr.
theol. Christian Berg ·
Institut für technische Mechanik ·
TU Clausthal ·
Graupenstraße
3 ·
D-38678 Clausthal-Zellerfeld
-
Warum
brauchen wir eine Ethik technischen Handelns?
-
Chaos,
Kommerz, Kompetenz oder Konsens: Wer entscheidet über technische
Entwicklungen?
-
Welchen
Platz hat die Technik im Leben, wenn vieles ohne Technik nicht lösbar, aber
Technik allein vieles nicht löst?
Ad eins
Dass
der Mensch nicht alles darf, was er kann, das hat schon immer, auch unabhängig
von Technik gegolten. Man kann seinen Nächsten auch mit bloßen Händen
erschlagen. Durch die heutige Technik stellt sich die Frage nach einem
verantwortbaren technischen Handeln aber aus vielerlei Gründen in ganz neuer
Weise.
Zum
einen deshalb, weil die beabsichtigten wie die unbeabsichtigten Folgen, die sich
aus der Anwendung (oder auch Nicht-Anwendung) vieler heutiger Technologien
ergeben, nicht nur Individuen oder Völker, sondern die gesamte Zukunft der
Menschheit berühren, ja auch die übrige Schöpfung auf unserem Planeten.
Zweitens
ergeben sich angesichts der dramatisch zusammenrückenden Menschheit, die
explosionsartig zunimmt bei gleichzeitig schrumpfenden Distanzen, neue
Verantwortlichkeiten. Der „Nächste“ ist nicht mehr nur der physisch
Benachbarte, es kann dies auch der virtuell Gegenwärtige, Leidende einer
anderen Weltgegend werden.
Des
Weiteren formt und gestaltet der Mensch die Welt in einer bisher nicht da
gewesenen Weise. Die ganze Welt des Menschen ist zu einer von ihm geschaffenen
Kultur-Natur geworden, zu einer Leonardo-Welt (Mittelstrass). Daher liegt es
auch mehr denn je nahe, sich über Technik zu definieren, den Menschen immer
ausschließlicher als homo faber zu verstehen. Der homo faber verkörpert den
autonomen Menschen. Denn er sucht im technischen Produkt Identität und im
technischen Handeln den Grund seiner selbst. Ständige Bedrohung erfährt das
autonome Individuum indes durch Krankheit, Altern und Tod. Der Tod ist die
letzte und bleibende Anfrage an die Autonomie des Menschen. Altern ist
schrittweises Sterben, schrittweiser Verlust von Autonomie. Einer Zeit des
autonomen homo faber muss daher Altern, Krankheit und Tod in besonderer Weise überwindungswürdig
erscheinen. Darin liegt wohl einer der Gründe, warum die neuen Möglichkeiten
der Life sciences manchem heute geradezu als Allzweckwaffe gegen den Stachel des
Todes im Fleisch des autonomen Ich erscheinen. Angesichts der sich hier
auftuenden technischen Möglichkeiten ist die Reflexion auf Wesen, Würde und
Verantwortung des Menschen in ganz neuer Weise gefordert.
Schließlich
ist für den ethischen Diskurs relevant, dass zweckrationales Denken -unter
anderem durch Technik und freien Markt gefördert- heute immer weitere Bereiche
unserer Gesellschaft ergreift und damit dem Utilitarismus das Feld bereitet.
Denn Technik, Kapitalismus und Utilitarismus machen sich in durchaus
vergleichbarer Weise das Ökonomieprinzip zu Eigen, sie streben nach einer
Maximierung eines Guts bei Minimierung der entsprechenden „Kosten“. Es darf
dabei aber nicht übersehen werden, dass viele ethische Fragestellungen mit
einer reinen Nutzenmaximierung nicht angemessen beurteilt werden können. „The
greatest good for the greatest number“ bietet zum Beispiel allein noch keinen
Schutz vor einer Instrumentalisierung menschlichen Lebens.
Aus
alledem ergibt sich, dass durch die Reichweite der Technikfolgen, durch die
technisch bestimmten Lebenswelten, durch die Ausdehnung des Gegenstands
ethischer Reflexion (künftige Generationen, nicht-menschliche Schöpfung) und
durch den zunehmenden Einfluss utilitaristischen Denkens Herausforderungen
gegeben sind, denen eine Ethik technischen Handelns zu begegnen hat.
Ein
zentrales Problem einer heutigen Ethik technischen Handelns ist allerdings die
Frage nach dem Handlungssubjekt: Wer ist es, der das technische Handeln von
Gesellschaften zu entscheiden und zu verantworten hat?
Ad zwei
In
krassem Gegensatz zu den genannten, durch heutige Technik aufgeworfenen
Problemlagen und Risiken, steht die Tatsache, dass nur schwer ein Subjekt
technischen Handelns, ein Entscheidungsträger für technische Entwicklungen
auszumachen ist. Jedoch nur wenn Verursachung vorausgesetzt werden kann, ist es
auch sinnvoll, Verantwortung zuzuschreiben. Genau das aber ist im Prozess von
Erforschung, Entwicklung und Anwendung neuer Technologien nur sehr schwer möglich.
Vielfach
scheinen technische Entwicklungen zufällig, ungesteuert und chaotisch
abzulaufen. Naturwissenschaftliche Entdeckungen, Patentierungen, strategische Überlegungen
von Konzernen um Marktanteile und Wettbewerbsfähigkeit oder auch
tagespolitische Themen - das sind nur eine kleine Auswahl von Faktoren, die
technische Entwicklungen in wechselhaften Verhältnissen beeinflussen und zu
einem mitunter planlos erscheinenden Prozess der Entwicklung von Technik führen.
Dass der Markt dabei eine zentrale Rolle spielt, dürfte unumstritten sein. Doch
auch der Markt ist vielfach gekoppelt an politische, massenmediale und
gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen.
Von
manchen wird deshalb gefordert, die Beurteilung von Technik Experten zu übertragen,
die die vielfältigen Anforderungen an heutige Technik und die zahlreichen
Verflechtungen verschiedenster gesellschaftlicher Bereiche abzuschätzen in der
Lage sind.
Andererseits
sind auch Experten nicht unfehlbar, und auch sie verfolgen mitunter eigene
Interessen. Vor allem aber sind Expertenurteile schwer zu vermitteln, wenn sie
nicht auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung zählen können.
Mediations- und Diskursverfahren gewinnen daher in der Technikbewertung an
Bedeutung.
Obgleich
die Akteure im technischen Handeln der Gesellschaft nur schwer auszumachen und
voneinander abzugrenzen sind, wird es sich die Weltgesellschaft im globalen Dorf
nicht mehr sehr lange leisten können, die Einführung und Verbreitung von
Technologien nahezu ungesteuert erfolgen zu lassen.
Ad drei
Die
Technik affiziert immer weitere Bereiche menschlichen Lebens. Viele Probleme
sind heute nur noch mit Hilfe von Technik zu lösen. Doch in dem Maße, wie
Technik und zweckrationales Handeln das Leben bestimmt und vereinnahmt, droht
Technik, andere Haltungen zu verdrängen und zum Selbstzweck zu werden. Es darf
aber nicht übersehen werden, dass Technik die entscheidenden Fragen des
Menschseins nicht löst - vermutlich nicht einmal berührt. Traditionell
-solange das Verhältnis von Mensch und Technik noch einfach durch das von Zweck
und Mittel beschrieben werden konnte- war die Frage, wie ein bestimmtes Ziel zu
realisieren ist, der Frage nach diesem Ziel selbst nachgeordnet. Mit der immer
weiteren Technisierung unserer Lebenswelten droht aber diese Frage nach dem Ziel
von Technik aus dem Blick zu geraten. Soll sich das Verhältnis von Mensch und
Technik nicht umkehren, dann muss Zeit und Raum gefunden werden, um losgelöst
von jeder Instrumentalisierung danach zu fragen, was das Menschsein ausmacht,
welche Vorstellungen wir vom Leben haben und welche Entwicklungen und welche
Technologien es verdienen, nachhaltig zu werden.